Auf dem Dach der Universität Salzburg, direkt gegenüber dem Festspielhaus, wird derzeit ein Stück Stadtgeschichte wiederhergestellt. Eine vom Holzwurm befallene Kuppel der Universitätsbibliothek musste saniert werden. Bei den Arbeiten kam eine überraschende Entdeckung ans Licht: Der Turm sah vor 400 Jahren völlig anders aus und wird nun in seiner ursprünglichen Form als Zwiebelturm rekonstruiert.
Das Wichtigste in Kürze
- Die Kuppel der Universitätsbibliothek Salzburg wird nach historischem Vorbild rekonstruiert.
- Ein Holzwurmbefall machte eine Generalsanierung notwendig.
- Historische Dokumente wie das Sattler-Panorama dienten als Vorlage für den neuen Zwiebelturm.
- Die Kosten für die Rekonstruktion belaufen sich auf rund 100.000 Euro.
Ein unerwarteter Fund bei Dacharbeiten
Was als routinemäßige Neueindeckung des Daches der Salzburger Universitätsbibliothek begann, entwickelte sich zu einem spannenden historischen Projekt. Im vergangenen Jahr stellten Fachleute fest, dass die Holzkonstruktion der Kuppel stark von Holzwürmern zerfressen und die Stabilität gefährdet war. Eine Sanierung war unumgänglich.
Während der Vorbereitungen für die Sanierung stießen die Verantwortlichen auf eine unerwartete Entdeckung. Die aktuelle Form der Kuppel entsprach nicht ihrem ursprünglichen Aussehen. Recherchen in historischen Archiven brachten ans Licht, dass das Gebäude einst von einem klassischen Zwiebelturm gekrönt wurde, wie er für die Barockzeit typisch war.
Die Gefahr war größer als angenommen
Der Befall durch den Holzwurm hatte das Tragwerk der alten Kuppel bereits so stark geschwächt, dass eine akute Absturzgefahr bestand. Die Entscheidung, das Dach neu einzudecken, kam somit gerade zur rechten Zeit, um größeren Schaden an dem historischen Gebäude im Herzen der Salzburger Altstadt zu verhindern.
Spurensuche in der Geschichte
Um die ursprüngliche Form des Turms so originalgetreu wie möglich wiederherzustellen, begann eine intensive Recherche. Experten der Bundesimmobiliengesellschaft (BIG) zogen mehrere historische Quellen heran, um ein genaues Bild des Zwiebelturms aus dem 17. Jahrhundert zu erhalten.
Eine entscheidende Quelle war das berühmte Sattler-Panorama, ein detailreiches Rundgemälde der Stadt Salzburg aus dem frühen 19. Jahrhundert. Auch in den Archiven des Salzburg Museums fanden sich wichtige Hinweise. Eine weitere Bestätigung lieferte ein alter Kupferstich, der den Turm aus der Perspektive der Pferdeschwemme zeigt.
Historische Quellen als Bauplan
Das Sattler-Panorama, geschaffen von Johann Michael Sattler und seinen Mitarbeitern zwischen 1825 und 1829, ist eine der wertvollsten Bildquellen für das historische Stadtbild Salzburgs. Seine Detailgenauigkeit ermöglicht es heute, verlorene architektonische Elemente präzise zu rekonstruieren.
Christian Karner, Holzbautechniker bei der BIG in Salzburg, erläuterte das Vorgehen: „Auf Basis dieser drei Unterlagen wurde versucht, einen Turm zu modellieren, der dem Original nahekommt.“ Anhand dieser historischen Vorlagen konnte ein detailliertes 3D-Modell erstellt werden, das als Bauplan für die Rekonstruktion dient.
Handwerkskunst aus der Region
Mit der anspruchsvollen Aufgabe der Rekonstruktion wurde eine spezialisierte Zimmerei aus dem Flachgau beauftragt. Die Arbeit an einem historischen Bauwerk erfordert nicht nur technisches Wissen, sondern auch ein tiefes Verständnis für traditionelle Handwerkstechniken.
Der neue Zwiebelturm in Zahlen
- Kosten: ca. 100.000 Euro
- Gewicht: Rund 2 Tonnen
- Material: Historische Holzbalken, Kupferblech
- Besonderheit: Vergoldete Turmspitze
Der neue Turm wird mit rund zwei Tonnen etwas mehr wiegen als die bisherige Konstruktion. Er besteht aus einer soliden Holzkonstruktion, die mit Kupferblech verkleidet wird. Eine vergoldete Spitze wird den Turm krönen und ihm seinen ursprünglichen Glanz zurückgeben. Dabei werden auch Teile der 400 Jahre alten Original-Holzbalken wiederverwendet, die noch intakt sind.
„Man braucht Mitarbeiter, die das noch können, und die das auch gerne machen. Das ist eine ganz andere Arbeit als die herkömmliche Zimmerei.“
- Roman Gehmacher, Zimmermeister
Zimmermeister Roman Gehmacher aus Grödig betont die Besonderheit des Auftrags. Die Rekonstruktion eines historischen Zwiebelturms ist keine alltägliche Aufgabe. Sie verlangt von den Zimmerleuten viel Erfahrung und Fingerspitzengefühl, um die alten Techniken korrekt anzuwenden und dem historischen Vorbild gerecht zu werden.
Ein neues Wahrzeichen mit alter Seele
Die Arbeiten an der Holzkonstruktion in der Werkstatt der Zimmerei sind bereits weit fortgeschritten. Wenn das Wetter mitspielt, soll der neue, historisch korrekte Zwiebelturm bereits nach Ostern auf das Dach der Universitätsbibliothek gehoben und montiert werden.
Mit der Rekonstruktion erhält die Salzburger Altstadt ein kleines, aber bedeutendes Stück ihrer architektonischen Geschichte zurück. Der Zwiebelturm wird die Silhouette des Universitätsgebäudes gegenüber dem Großen Festspielhaus wieder so prägen, wie es vor Jahrhunderten der Fall war. Das Projekt ist ein Beispiel für gelungenen Denkmalschutz, bei dem eine notwendige Sanierung zur Wiederherstellung eines historischen Zustands genutzt wird.





