Die Lawinensituation in den Salzburger Bergen bleibt angespannt. Allein im Jänner wurden bereits mehr Lawinenabgänge mit Personenbeteiligung registriert als im gesamten Winter des Vorjahres. Experten warnen vor einer tückischen Altschneeschicht, die noch über Wochen eine erhebliche Gefahr darstellen wird.
Das Wichtigste in Kürze
- Im Jänner gab es in Salzburg über 20 Lawinenunfälle mit Personenbeteiligung und sechs Todesopfer.
- Die Hauptursache ist eine instabile Altschneedecke, die sich bereits im Frühwinter gebildet hat.
- Die Bergrettung ist stark gefordert und appelliert dringend, jeden Lawinenabgang zu melden.
- Eine Entspannung der Lage ist laut Lawinenwarndienst vorerst nicht in Sicht.
Ein Jänner mit alarmierender Bilanz
Der Winter in den Salzburger Alpen zeigt sich von seiner gefährlichen Seite. Mit mehr als 20 registrierten Lawinenabgängen, bei denen Personen beteiligt waren, übertrifft der Jänner bereits die Statistik des gesamten letzten Winters. Bei diesen Unfällen kamen sechs Wintersportler ums Leben, weitere wurden verletzt oder verschüttet.
Besonders seit dem 11. Jänner hat die Dynamik der Schneebrettlawinen stark zugenommen. Michael Butschek, Leiter der Salzburger Lawinenwarnzentrale, beschreibt die Lage als ernst. "Die Zahl von über 20 Lawinen mit Beteiligten ist schon sehr groß. Das haben wir den ganzen letzten Winter nicht erreicht", so Butschek.
Zahlen im Überblick
- >20 Unfälle: Lawinen mit Personenbeteiligung im Jänner 2024
- 6 Todesopfer: im Salzburger Land allein im Jänner
- 4 Regionen: Das Bundesland wird täglich vom Lawinenwarndienst analysiert
Die Ursache liegt tief im Schnee verborgen
Das aktuelle Problem hat seinen Ursprung bereits im Frühwinter. Geringe Schneemengen trafen auf sehr kalte Temperaturen, während die Böden noch relativ warm waren. Dieser Temperaturunterschied führte zu einer tiefgreifenden Umwandlung der dünnen Schneedecke.
Wie eine instabile Schicht entsteht
"In diesen langen Winternächten bis über den Jahreswechsel hinaus hat sich diese bis dahin nur dünne Schneedecke aufbauend umgewandelt", erklärt Michael Butschek. Der Schnee erhielt eine gries- oder zuckerartige Struktur und verlor jegliche Bindung. Fachleute bezeichnen dies als Altschneeproblem.
Auf diese lockere Basisschicht fielen später harte Schneekrusten. "Diese Kombination aus harten Krusten und darunter diese bindungslosen Schichten aus umgewandeltem Schnee – das ist der Grund, warum es zu dieser Häufung von Unfällen gekommen ist", so Butschek weiter.
Was ist Triebschnee?
Anfang Jänner kam Neuschnee hinzu, der oft von starkem Wind begleitet wurde. Der Wind transportierte den Schnee und lagerte ihn an windabgewandten Stellen als dichte, brettartige Schicht ab – sogenannter Triebschnee. Diese Triebschneepakete liegen nun auf der instabilen Altschneeschicht und können bereits durch die geringe Zusatzbelastung eines einzelnen Wintersportlers als Schneebrettlawine abrutschen.
Analysen der Geosphere Austria nach einem tödlichen Unfall auf der Schmugglerscharte in Bad Hofgastein bestätigten diese tückische Schneedeckenstruktur. Die Experten fanden genau jenes Altschneeproblem vor, vor dem seit Wochen gewarnt wird.
Bergrettung am Limit und der Appell an die Vernunft
Für die Einsatzkräfte der Bergrettung waren die letzten Wochen extrem fordernd. "Man kann sagen, die Basis des Schnees war kaputt, bevor der Winter überhaupt angefangen hat", sagt Gerhard Kremser, Bezirksleiter der Bergrettung Pongau. Trotz der hohen Belastung sei man aber jederzeit einsatzbereit.
"Wenn so viele Einsätze zusammenkommen wie jetzt im Jänner, sind die ganzen Bergretterinnen und Bergretter sehr gefordert. Aber wir sind immer einsatzbereit und sind immer da, wenn wer Hilfe braucht."
Das Problem nicht gemeldeter Lawinen
Ein besonderes Ärgernis für die Retter sind Lawinenabgänge, die von den Verursachern nicht gemeldet werden. Ein Vorfall in Sportgastein am 26. Jänner verdeutlicht die Problematik: Snowboarder lösten im freien Gelände ein Schneebrett aus. Einer von ihnen wurde teilverschüttet, konnte aber von seinen Begleitern befreit werden. Anschließend fuhr die Gruppe weiter, ohne den Vorfall zu melden.
Da der Abgang jedoch beobachtet wurde, folgte ein Großeinsatz. "Das ist für uns natürlich der absolute Horror", erklärt Kremser. "Wir hatten zwei Hubschrauber im Einsatz, rund 20 Bergretter mit der Hundestaffel – da werden einfach Ressourcen genutzt, die ganz woanders gebraucht werden." Ein Rettungshubschrauber wurde so für zwei Stunden blockiert, der in dieser Zeit möglicherweise an anderer Stelle ein Leben hätte retten können.
Kremser appelliert daher eindringlich an alle Wintersportler:
- Jeden Lawinenabgang melden: Egal wie klein, informieren Sie die Bergbahnen oder wählen Sie den Notruf (140 für Alpinnotruf).
- Keine Kosten: Für die Meldung eines Lawinenabgangs entstehen keine Kosten.
- Leben retten: Eine schnelle Meldung hilft, unnötige Großeinsätze zu vermeiden und stellt sicher, dass Ressourcen für echte Notfälle verfügbar sind.
Um auch internationale Gäste zu erreichen, schlägt Kremser mehrsprachige Informationstafeln in den Skigebieten vor, da viele ausländische Wintersportler die Meldepflicht nicht kennen.
Ausblick: Keine schnelle Entspannung in Sicht
Das hartnäckige Altschneeproblem wird die Wintersportler in Salzburg noch länger begleiten. Laut Michael Butschek braucht es viel Zeit, bis sich die Schneedecke stabilisiert. "Schnell los werden wir dieses Problem wahrscheinlich nicht", meint der Experte.
Eine nachhaltige Verbesserung würde erst durch Wärme und Regen bis in hohe Lagen eintreten. Dies würde die Schneedecke zwar mittelfristig festigen, kurzfristig aber die Lawinengefahr nochmals dramatisch ansteigen lassen. Bis dahin ist im freien Gelände höchste Vorsicht geboten. Die täglichen Lawinenlageberichte sind eine unverzichtbare Informationsquelle für alle, die sich abseits der gesicherten Pisten bewegen.





