Der Landkreis Berchtesgadener Land hat einen historischen Beschluss gefasst: Der Beitritt zum Salzburger Verkehrsverbund (SVV) ist beschlossen. Ab voraussichtlich 2027 wird der öffentliche Nahverkehr in der Region durch ein neues Tarifsystem einfacher und für die meisten Fahrgäste deutlich günstiger. Dies ist ein entscheidender Schritt, um die grenzüberschreitende Mobilität zu stärken und mehr Menschen zum Umstieg vom Auto auf den Bus zu bewegen.
Die Entscheidung, die vom Kreistag getroffen wurde, beendet die lange Diskussion um einen eigenen Verkehrsverbund mit Traunstein und richtet den Blick klar in Richtung Salzburg. Für Pendler und Gelegenheitsfahrer bedeutet dies eine grundlegende Veränderung mit neuen Preisen, einem Wabensystem und innovativen Ticketoptionen wie dem Bürgerticket.
Das Wichtigste in Kürze
- Der Landkreis Berchtesgadener Land tritt dem Salzburger Verkehrsverbund (SVV) bei, geplanter Start ist der 1. Januar 2027.
- Ein neues Wabensystem mit 18 Zonen vereinfacht die Tarife und macht bis zu 79 Prozent der Fahrten günstiger.
- Eine Fahrt von Schönau nach Berchtesgaden könnte künftig nur noch 2,50 Euro kosten.
- Ein stark subventioniertes „Bürgerticket“ für den gesamten Landkreis ist für 300 bis 400 Euro pro Jahr geplant.
- Die Tarifvielfalt wird von über 100 auf neun Produkte reduziert, um das System verständlicher zu machen.
Ein historischer Schritt für den Grenzverkehr
Die Entscheidung des Kreistags im Berchtesgadener Land wird von vielen als „historisch“ bezeichnet. Mit dem Grundsatzbeschluss, dem Salzburger Verkehrsverbund beizutreten, wird eine neue Ära im öffentlichen Nahverkehr der Region eingeläutet. Dieser Schritt folgt auf die Entscheidung des Nachbarlandkreises Traunstein, eine Integration in den Münchner Verkehrsverbund (MVV) zu prüfen, was die Pläne für einen gemeinsamen Verbund endgültig beendete.
Das Hauptziel der Integration ist es, den öffentlichen Nahverkehr attraktiver zu gestalten. Ein einfaches, schnelles und vor allem günstiges System soll die Bürger motivieren, ihr Auto öfter stehen zu lassen. Die Verantwortlichen betonten, dass die Komplexität des bisherigen Systems eine große Hürde darstellte. Mit dem Beitritt zum SVV wird diese Hürde abgebaut.
Vereinfachung als oberstes Gebot
Eine der größten Änderungen wird die drastische Reduzierung der Tarifprodukte sein. Statt der bisher über 100 verschiedenen Ticketoptionen wird es künftig nur noch neun geben. Diese Vereinfachung soll es den Fahrgästen erleichtern, das für sie passende Ticket zu finden und den ÖPNV unkompliziert zu nutzen.
Die Umstellung betrifft alle Aspekte des Betriebs, von der Preisgestaltung bis hin zum Vertrieb. Der Landkreis wird dabei von der Erfahrung des SVV profitieren, etwa bei der Einrichtung einer zentralen Anlaufstelle für den Kundenservice oder der Einführung moderner Zahlungsmethoden. Trotz der Diskussionen um bargeldloses Bezahlen wurde versichert, dass in den Regionalbussen weiterhin Barzahlung möglich sein wird.
Das neue Wabensystem erklärt
Das Herzstück des neuen Tarifsystems ist ein Wabenlayout, das den gesamten Landkreis Berchtesgadener Land abdeckt. Das Gebiet wird in insgesamt 18 Waben unterteilt. Der Fahrpreis berechnet sich dann einfach nach der Anzahl der durchfahrenen Waben. Dieses System ist transparent und leicht verständlich.
Was ist eine Übergangswabe?
Die drei wichtigen Zentren Freilassing, Bad Reichenhall und Berchtesgaden fungieren als sogenannte Übergangswaben. Das bedeutet, dass bei einer Fahrt durch diese Zentren in eine benachbarte Wabe keine zusätzliche Gebühr anfällt. Dies vereinfacht die Preisberechnung für viele gängige Strecken.
Der neue Tarif richtet sich vor allem an Gelegenheitsfahrer, für die Einzel- und Tageskarten angeboten werden. Ermäßigungen sind für Senioren, Jugendliche, Kinder und Menschen mit Schwerbehindertenausweis vorgesehen, was die soziale Komponente des neuen Systems unterstreicht.
Konkrete Preisbeispiele zeigen das Sparpotenzial
Die neuen Preise werden für viele Strecken erhebliche Einsparungen mit sich bringen. Die genauen Tarife können sich bis zum Start im Jahr 2027 noch ändern, aber die aktuellen Prognosen sind vielversprechend.
- Eine Wabe: Eine Fahrt innerhalb einer Wabe, zum Beispiel von Schönau am Königssee nach Berchtesgaden, soll 2,50 Euro kosten. Bisher liegt der Preis hier zwischen 3,10 und 5,60 Euro.
- Zwei Waben: Für eine Strecke über zwei Waben, wie von Freilassing nach Bad Reichenhall, werden voraussichtlich 3,40 Euro fällig. Derzeit kostet diese Fahrt 6,40 Euro.
- Längere Strecken: Besonders deutlich wird der Unterschied bei längeren Fahrten. Die Strecke von Laufen nach Berchtesgaden soll statt 16,60 Euro nur noch 9,10 Euro kosten.
Eine Tageskarte für eine Wabe wird voraussichtlich bei 5 Euro starten, wobei auch hier deutliche Ermäßigungen geplant sind. Generell steigt der Preis pro zusätzlicher Wabe um etwa 0,90 bis 1,10 Euro.
Neue Ticketangebote für Pendler und Bürger
Neben den günstigeren Einzelfahrten werden auch neue, attraktive Ticketmodelle eingeführt. Das sogenannte Bürgerticket ist eine Jahreskarte, die für den gesamten Landkreis gültig sein wird. Der offizielle Preis wird bei etwa 708 Euro pro Jahr liegen, aber durch eine starke Bezuschussung des Landkreises könnten die tatsächlichen Kosten für die Bürger auf nur 300 bis 400 Euro sinken.
Kosten für den Landkreis
Die Integration in den SVV ist mit Kosten verbunden. Nach aktuellen Schätzungen wird der jährliche Aufwand für den Landkreis nach 2027 zwischen 1,6 und 2,1 Millionen Euro betragen. Allein der Zuschuss für das Bürgerticket könnte sich auf rund 700.000 Euro pro Jahr belaufen. Ein Großteil der einmaligen Investitionskosten im Jahr 2026 wird jedoch durch Förderungen des Freistaates Bayern abgefedert.
Für Pendler, die regelmäßig über die Grenze nach Salzburg fahren, wird es ebenfalls eine interessante Neuerung geben. Das Deutschlandticket und das Klimaticket Salzburg sollen durch eine Ergänzungsoption erweitert werden können.
„Wir wollen ein schnelles, zuverlässiges, günstiges und einfaches System schaffen, um mehr Menschen für den öffentlichen Nahverkehr zu gewinnen.“
Mit der „Plus-Option“ können Besitzer des Klimatickets Salzburg für zusätzlich rund 343 Euro pro Jahr den gesamten Landkreis Berchtesgadener Land dazubuchen. Umgekehrt können Inhaber des Bürgertickets damit auch in die angrenzenden Gemeinden der Stadt Salzburg fahren.
Wer profitiert und wo es teurer wird
Die Tarifumstellung wird für die große Mehrheit der Fahrgäste Vorteile bringen. Schätzungen zufolge könnten bis zu 79 Prozent aller Fahrten im Landkreis günstiger werden. Dies betrifft insbesondere Fahrten über mittlere und lange Distanzen, die bisher oft unverhältnismäßig teuer waren.
Allerdings wird es auch Fälle geben, in denen die Preise steigen. Ein kleiner Teil der Fahrgäste muss sich auf höhere Kosten einstellen. Dies betrifft vor allem sehr kurze Strecken, die bisher von lokalen Sondertarifen profitierten. Ein Beispiel sind innerstädtische Fahrten in Bad Reichenhall, die aktuell günstiger sind als der zukünftige Einheitstarif für eine Wabe.
Die Verantwortlichen sehen dies jedoch als notwendigen Schritt, um ein einheitliches und faires System für die gesamte Region zu schaffen. Der Fokus liegt darauf, das Gesamtangebot so attraktiv zu machen, dass der Umstieg vom Auto auf Bus und Bahn für möglichst viele Menschen zur echten Alternative wird.





