Ein außergewöhnliches Projekt an der Universität Mozarteum Salzburg hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Lücken der Musikgeschichte zu füllen. Ein Student war maßgeblich daran beteiligt, eine seit Jahrhunderten verschollene Kantate des Barockkomponisten Dieterich Buxtehude zu rekonstruieren und wieder hörbar zu machen.
Die Arbeit an dem Werk „Opachi boschetti“ zeigt, wie musikwissenschaftliche Forschung und kreative Interpretation Hand in Hand gehen, um verlorenes Kulturerbe neu zu entdecken.
Das Wichtigste in Kürze
- Ein Student der Universität Mozarteum hat an der Rekonstruktion einer verschollenen Kantate von Dieterich Buxtehude mitgewirkt.
- Das Projekt wurde von der deutschen Gesellschaft für Musiktheorie initiiert, um fragmentarisch erhaltene Werke wiederzubeleben.
- Die Rekonstruktion basiert auf wenigen erhaltenen Fragmenten und dem Wissen über die Kompositionstechniken des Barock.
- Solche Projekte verbinden historische Genauigkeit mit künstlerischer Kreativität und sind für die Musikwissenschaft von großer Bedeutung.
Das Rätsel einer verschollenen Partitur
Viele Meisterwerke der klassischen Musik sind heute unvollständig oder nur in Bruchstücken überliefert. Notenblätter gingen im Laufe der Jahrhunderte verloren, wurden zerstört oder existieren nur noch als Fragmente. Dies stellt Musikwissenschaftler und Musiker vor eine große Herausforderung: Wie klangen diese Werke ursprünglich?
Ein solches Rätsel umgibt die Kantate „Opachi boschetti“ des dänisch-deutschen Komponisten Dieterich Buxtehude, der von 1637 bis 1707 lebte und als einer der bedeutendsten Musiker des Barock gilt. Von diesem speziellen Stück ist die vollständige Partitur verschollen. Nur einzelne Teile und Informationen zur Form und Satztechnik sind erhalten geblieben.
Diese Ausgangslage war der Anlass für ein besonderes Projekt der deutschen Gesellschaft für Musiktheorie. Sie rief Studierende und Forscher dazu auf, die fehlenden Teile der Kantate auf Basis der vorhandenen Informationen zu ergänzen und das Werk wieder aufführbar zu machen.
Ein Wettbewerb zur Wiederbelebung der Musik
Die Initiative war mehr als nur eine akademische Übung. Es handelte sich um einen künstlerischen Wettbewerb, der die Teilnehmenden dazu herausforderte, sich tief in die Gedankenwelt des Komponisten hineinzuversetzen. Ziel war es nicht, eine exakte Kopie zu erstellen – das wäre unmöglich –, sondern eine plausible und stilistisch authentische Version zu schaffen.
Die Teilnehmer mussten die kompositorischen Regeln des 17. Jahrhunderts studieren und Buxtehudes einzigartigen Stil analysieren. Anhand der Fragmente mussten sie Harmonien, Melodielinien und instrumentale Begleitungen entwickeln, die so klingen, als hätte Buxtehude sie selbst geschrieben haben können.
Die Rolle der Musiktheorie
Musiktheorie ist das Fundament, das solche Rekonstruktionen ermöglicht. Sie befasst sich mit den Regeln und Strukturen der Musik, wie Harmonielehre, Kontrapunkt und Formenlehre. Durch das Verständnis dieser Prinzipien können Experten die „Sprache“ eines Komponisten erlernen und fehlende musikalische Passagen in seinem Stil ergänzen.
Dieser Prozess ist eine Mischung aus Detektivarbeit und kreativem Schaffen. Jeder musikalische Gedanke muss begründet sein und sich nahtlos in das Gesamtwerk einfügen.
Salzburger Expertise im Zentrum des Projekts
Unter den Talenten, die sich dieser Aufgabe stellten, war auch Erik Aren Schroeder, ein Student der renommierten Universität Mozarteum in Salzburg. Seine Beteiligung unterstreicht die hohe Qualität der Ausbildung in der Mozartstadt und die wichtige Rolle, die Salzburger Institutionen in der internationalen Musikwelt spielen.
Schroeders Arbeit an der Rekonstruktion von „Opachi boschetti“ ist ein Beispiel dafür, wie junge Musiker heute traditionelles Wissen mit neuen Herangehensweisen verbinden. Er musste nicht nur die historischen Quellen genau studieren, sondern auch eigene künstlerische Entscheidungen treffen, um die Lücken in der Partitur zu füllen.
Die Herausforderung bestand darin, eine Balance zwischen historischer Treue und persönlicher Interpretation zu finden. Das Ergebnis ist keine trockene, akademische Rekonstruktion, sondern eine lebendige und emotional ansprechende Fassung der Kantate, die dem Geist Buxtehudes gerecht wird.
Wer war Dieterich Buxtehude?
- Lebenszeit: ca. 1637 – 1707
- Wirkungsort: Hauptsächlich in Lübeck als Organist an der Marienkirche.
- Bedeutung: Er gilt als einer der wichtigsten Komponisten der norddeutschen Orgelschule und hatte großen Einfluss auf spätere Musiker, darunter Johann Sebastian Bach.
- Werk: Sein Schaffen umfasst Orgelwerke, geistliche Kantaten und Kammermusik.
Die Bedeutung für die heutige Musikwelt
Projekte wie die Rekonstruktion von Buxtehudes Kantate sind für die Musikwissenschaft von unschätzbarem Wert. Sie ermöglichen es, das Repertoire der Alten Musik zu erweitern und dem Publikum Werke zugänglich zu machen, die andernfalls für immer stumm geblieben wären.
Gleichzeitig bieten sie eine einzigartige Ausbildungsmöglichkeit für die nächste Generation von Musikern und Wissenschaftlern. Die Studierenden lernen, historische Aufführungspraxis mit praktischer Musikalität zu verbinden. Sie entwickeln ein tiefes Verständnis für die Komplexität und Schönheit der Musik vergangener Epochen.
„Wenn wir ein verlorenes Werk rekonstruieren, führen wir einen Dialog mit dem Komponisten über die Jahrhunderte hinweg. Es ist eine große Verantwortung, aber auch eine einmalige Chance, die Vergangenheit lebendig werden zu lassen.“
Die erfolgreiche Arbeit an „Opachi boschetti“ zeigt, dass klassische Musik kein starres Museumsstück ist. Sie ist ein lebendiges Feld, in dem es immer wieder Neues zu entdecken gibt – selbst in den Werken von Meistern, die vor über 300 Jahren gelebt haben. Dank des Engagements von Institutionen wie der Universität Mozarteum und talentierten Studierenden wie Erik Aren Schroeder wird die Musikgeschichte kontinuierlich weitergeschrieben.





