Der 8. Dezember ist für viele Österreicher ein fester Termin im vorweihnachtlichen Einkaufskalender. Doch was heute eine Selbstverständlichkeit ist, begann vor über 40 Jahren in Salzburg mit einem politischen Wagnis, das den damaligen Landeshauptmann Wilfried Haslauer sen. sogar vor den Verfassungsgerichtshof brachte. Die Entscheidung, die Geschäfte am Marienfeiertag zu öffnen, war ein Salzburger Alleingang, der die Handelslandschaft in ganz Österreich nachhaltig verändern sollte.
Das Wichtigste in Kürze
- Salzburg erlaubte bereits 1984 die Ladenöffnung am 8. Dezember, elf Jahre vor der bundesweiten Regelung.
- Der damalige Landeshauptmann Wilfried Haslauer sen. riskierte dafür eine Ministeranklage.
- Hauptgrund war, die Kaufkraft in der Region zu halten und den Einkaufstourismus nach Bayern zu stoppen.
- Heute bewerten Händler die Wirtschaftlichkeit des Tages aufgrund hoher Personalkosten unterschiedlich.
Ein politischer Alleingang mit weitreichenden Folgen
Lange bevor der 8. Dezember österreichweit zum umsatzstarken Einkaufstag wurde, wagte Salzburg einen umstrittenen Schritt. Im Jahr 1984 erließ der damalige ÖVP-Landeshauptmann Wilfried Haslauer sen. eine Verordnung, die es den Geschäften im Bundesland erlaubte, am Marienfeiertag geöffnet zu halten. Bundesweit wurde diese Regelung erst 30 Jahre alt, in Salzburg blickt man bereits auf eine 41-jährige Geschichte zurück.
Der Grund für diese Entscheidung war rein wirtschaftlicher Natur. Viele Salzburger nutzten den Feiertag traditionell für ausgedehnte Einkaufstouren ins benachbarte Bayern, wo die Geschäfte geöffnet waren. Dadurch floss erhebliche Kaufkraft aus der Region ab, was besonders im wichtigen Weihnachtsgeschäft spürbar war. Haslauers Ziel war es, dieses Geld in Salzburg zu halten und dem lokalen Handel zu stärken.
Hintergrund: Der Einkaufstourismus nach Bayern
In den 1980er Jahren war die wirtschaftliche Situation angespannt. Die Nähe zu deutschen Städten wie Freilassing oder Bad Reichenhall führte dazu, dass an österreichischen Feiertagen tausende Salzburger die Grenze überquerten. Die Öffnung der Geschäfte am 8. Dezember war eine direkte strategische Antwort auf dieses Konsumverhalten, um die regionale Wirtschaft zu schützen.
Der spektakuläre Prozess vor dem Verfassungsgerichtshof
Die Salzburger Verordnung stieß auf heftigen Widerstand aus Wien. Der damalige Sozialminister Alfred Dallinger (SPÖ) wies Haslauer an, die Öffnung der Geschäfte zu untersagen. Doch der Landeshauptmann widersetzte sich dieser Weisung und blieb bei seiner Entscheidung. Dieser Akt des politischen Ungehorsams hatte Konsequenzen: Gegen Haslauer sen. wurde eine Ministeranklage eingeleitet – ein äußerst seltenes Verfahren in der Zweiten Republik.
Der Fall landete 1985 vor dem Verfassungsgerichtshof und sorgte für enormes mediales Aufsehen. Eine besondere Note erhielt der Prozess dadurch, dass Wilfried Haslauer jun., der heutige Landeshauptmann, seinen Vater als Rechtsanwalt verteidigte. Das Gericht sprach Haslauer sen. zwar schuldig, verhängte jedoch keine Strafe.
„Die Bevölkerung könne sich am Vortag und am nächsten Tag eindecken, niemand müsse deshalb in Österreich verhungern.“
- Peter Buchmüller, Präsident der Wirtschaftskammer Salzburg
Das Urteil wurde in Salzburg als Sieg empfunden. Die Popularität von Haslauer sen. stieg enorm, da ein großer Teil der Bevölkerung hinter seiner Entscheidung stand und die Möglichkeit zum Einkaufen im eigenen Bundesland begrüßte. Der Salzburger Sonderweg hatte sich politisch ausgezahlt und den Weg für die spätere bundesweite Regelung geebnet.
Der 8. Dezember heute: Nicht für jeden ein Geschäft
Mittlerweile hat sich der verkaufsoffene Feiertag fest etabliert. Dennoch ist die Bilanz für den Handel gemischt, wie Peter Buchmüller, Präsident der Wirtschaftskammer Salzburg, erklärt. „Wenn manche an anderen Tagen keine Zeit haben, um einzukaufen, ist es aus Sicht der Wirtschaft gut, weil Kaufkraft in Österreich bleibt“, so Buchmüller.
Allerdings stehen dem potenziellen Umsatz hohe Kosten gegenüber. Mitarbeiter müssen an Feiertagen mit Zuschlägen entlohnt werden, was die Rentabilität schmälert. Aus diesem Grund bleibt beispielsweise Buchmüllers eigener Lebensmittelmarkt an diesem Tag geschlossen.
Kosten versus Nutzen
Für viele Branchen, insbesondere den Mode-, Spielwaren- und Elektronikhandel, ist der 8. Dezember einer der umsatzstärksten Tage des Jahres. Im Lebensmitteleinzelhandel hingegen lohnt sich der Aufwand oft nicht, da Kunden ihre Einkäufe leicht auf die Tage davor oder danach verlegen können.
Die Entscheidung, am Marienfeiertag zu öffnen, ist für viele Händler daher eine genaue Kalkulation. Während große Einkaufszentren und Geschäfte in den Innenstädten von dem zusätzlichen Einkaufstag profitieren, halten sich kleinere Betriebe oder bestimmte Branchen oft zurück.
Tourismus als wichtiger Faktor
In diesem Jahr kommt ein weiterer Aspekt hinzu: Der 8. Dezember fällt auf einen Sonntag, was in Verbindung mit dem Feiertag für ein verlängertes Wochenende sorgt. Dies dürfte zusätzliche Touristen nach Salzburg locken, die das Shopping-Angebot in der vorweihnachtlichen Atmosphäre der Stadt nutzen werden. Für den Tourismus und den Handel in der Altstadt ist dies eine willkommene Einnahmequelle.
So schließt sich der Kreis von einer umstrittenen politischen Entscheidung vor 41 Jahren zu einem festen Bestandteil der österreichischen Wirtschaftskultur, dessen Ursprung fest in der Salzburger Geschichte verankert ist.





