In der Salzburger Kaigasse wurde ein fünfstöckiges Gebäude im Herzen der geschützten Altstadt widerrechtlich entkernt. Übrig geblieben ist nur die Fassade, die nun von Stahlträgern gestützt wird. Der Vorfall löst in der Baubranche und der Politik scharfe Kritik an der zuständigen Baubehörde aus. Es stehen Vorwürfe im Raum, die Kontrolle sei massiv vernachlässigt worden.
Während der Bauherr eine Bewilligung für einen Umbau hatte, führte er de facto einen Abriss durch. Experten vermuten dahinter finanzielle Motive, da ein Neubau sowohl Kostenvorteile als auch die Umgehung des Mietpreisdeckels ermöglicht. Die Stadt verhängte zwar einen Baustopp, doch für das historische Gebäude kam diese Maßnahme zu spät.
Das Wichtigste in Kürze
- Ein Gebäude in der Kaigasse 28 wurde ohne Genehmigung vollständig entkernt.
- Die Baubehörde stoppte die Arbeiten erst, nachdem der Großteil des Hauses bereits abgerissen war.
- Branchenexperten und Politiker kritisieren die mangelnde Kontrolle der Stadt.
- Als Motiv wird die Umgehung des Mietrechtsgesetzes vermutet, um höhere Mieten und Verkaufspreise zu erzielen.
- Der Bauherr ist eine Gesellschaft, an der die Beteiligungsfirma von Mark Mateschitz Anteile hält.
Fassade als Kulisse: Ein Abriss hinter verschlossenen Türen
Das Bild, das sich derzeit in der Kaigasse 28 bietet, ist befremdlich. Eine historische Fassade steht isoliert da, gestützt von einem massiven Gerüst aus Stahl. Dahinter klafft eine riesige Lücke – das gesamte Gebäude wurde bis auf die Kellerdecke abgetragen. Offiziell war ein Umbau genehmigt, der im Juli des vergangenen Jahres begann. Doch was tatsächlich geschah, war ein systematischer Abriss der inneren Gebäudestruktur.
Tonnenweise Bauschutt wurden über Monate unbemerkt aus dem eng bebauten Stadtzentrum abtransportiert. Erst am 21. Jänner verhängte das Baurechtsamt der Stadt Salzburg einen sofortigen Baustopp. Zu diesem Zeitpunkt war der Schaden bereits angerichtet und das historische Innenleben des Hauses unwiederbringlich zerstört.
Kritik aus der Baubranche wird laut
Führende Vertreter der Salzburger Baubranche zeigen sich fassungslos. Stadtbaumeister Markus Voglreiter, der selbst zahlreiche Sanierungsprojekte in der Altstadt betreut hat, findet deutliche Worte für das Vorgehen und das Versäumnis der Behörden.
„Das Bild dieser Baustelle erinnert mich an den Film ‚Der Schuh des Manitu‘, wo vorne eine Fassade ist, die dann irgendwann zusammenbricht. Das ist unfassbar für mich. Bei derartig großen und sensiblen Gebäuden, wo die Baubehörde ja immer unterwegs ist in der Stadt, da, muss ich sagen, war man auf beiden Augen blind.“
Voglreiter betont, dass er in seiner gesamten Karriere seit 1995 einen derartigen Vorfall in Salzburg noch nicht erlebt habe. Viele andere Bauherren, die sich an die strengen Auflagen des Denkmalschutzes halten, müssten sich durch einen solchen Fall provoziert fühlen.
Behörde verteidigt sich gegen Vorwürfe
Die städtische Raumplanungs- und Baubehörde weist die Kritik zurück. Andreas Schmidbaur, der zuständige Abteilungsvorstand, erklärt, dass aufmerksame Bürger bereits kurz vor Weihnachten auf die erhebliche Lärm- und Schuttentwicklung hingewiesen hätten. Dennoch sei die Behörde nicht früher eingeschritten.
Schmidbaur argumentiert, dass die Entkernung durch den Bauträger extrem schnell erfolgt sei. „Wir sind keine Detektive, die regelmäßig in der Tiefe der Grundstücke Nachschau halten, ob einzelne Wände stehen bleiben oder nicht. Das ist personell nicht machbar“, verteidigt er das Vorgehen seiner Abteilung. Da eine Baustelleneinrichtung und ein genehmigter Umbau vorlagen, habe man keinen Verdacht geschöpft.
Die Salzburger Altstadt als UNESCO-Weltkulturerbe
Die historische Altstadt von Salzburg wurde 1996 in die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes aufgenommen. Dieser Status verpflichtet die Stadt zu einem besonders strengen Schutz der historischen Bausubstanz. Jeder Eingriff in geschützte Gebäude erfordert detaillierte Genehmigungen und wird normalerweise eng von den Behörden begleitet, um den Erhalt des einzigartigen Stadtbildes zu gewährleisten.
Auch die zuständige Planungsstadträtin Anna Schiester von der Grünen Bürgerliste zeigt sich betroffen: „Ich bin entsetzt, dass so etwas in der Altstadt passiert.“ Sie kündigte eine umfassende Aufarbeitung des Falls an. Man werde prüfen, wo Kontrollen verschärft werden müssen und falls notwendig, Konsequenzen ziehen, um die Behördenarbeit zu verbessern.
Wirtschaftliche Interessen im Fokus
Hinter dem illegalen Abriss werden starke wirtschaftliche Anreize vermutet. Ein kompletter Neubau hinter der historischen Fassade ist oft günstiger als eine aufwendige und denkmalgerechte Sanierung eines Altbaus. Stadtbaumeister Voglreiter schätzt den Kostenvorteil in diesem konkreten Fall auf rund eine Million Euro.
Doch es geht um mehr als nur um Baukosten. Der auf Immobilienrecht spezialisierte Anwalt Dominik Öllerer erklärt den entscheidenden rechtlichen Aspekt.
„Wenn ein Gebäude komplett neu errichtet wird, unterliegt es nicht mehr dem Vollanwendungsbereich des Mietrechtsgesetzes. So bekomme ich den Mietendeckel weg und kann wesentlich teurer vermieten.“
Diese Regelung hat weitreichende Folgen. Nicht nur die Mieten können frei festgelegt werden, auch der Verkaufswert der neuen Wohnungen steigt erheblich, da zukünftige Eigentümer ebenfalls nicht an Mietzinsobergrenzen gebunden sind.
Für den widerrechtlichen Abriss droht dem Bauherrn eine maximale Verwaltungsstrafe von 25.000 Euro. Dieser Betrag steht in keinem Verhältnis zum potenziellen finanziellen Gewinn, der durch die Umgehung von Sanierungskosten und Mietpreisdeckeln erzielt werden kann.
Wer steckt hinter dem Projekt?
Der Bauherr ist eine Projektgesellschaft, die zur deaurea GmbH gehört. An dieser wiederum hält die Mark Mateschitz Beteiligungs GmbH etwa 42 Prozent der Anteile. Die Mehrheit von knapp 58 Prozent gehört der Creneaux Holding von Volker Viechtbauer, einem langjährigen Vertrauten des verstorbenen Red-Bull-Gründers Dietrich Mateschitz.
Auf der Projektwebsite werden bereits exklusive Eigentumswohnungen mit einer Größe von bis zu 260 Quadratmetern beworben. Die Lage wird als das „historisch wertvollste Viertel der Stadt“ beschrieben. Die Fertigstellung ist für das Jahr 2027 geplant. Weder die ausführende Baufirma noch der Bauherr gaben bisher eine öffentliche Stellungnahme zu den Vorwürfen ab.





