Das Salzburg Museum präsentiert im Nordoratorium des DomQuartiers eine bemerkenswerte Ausstellung. Unter dem Titel „Heroisch und verklärt – Der Bauernkrieg im Spiegel von Kunst und Diktatur“ beleuchtet die Schau die vielschichtige Darstellung der Bauernaufstände von 1525/26. Sie fordert die Besucher auf, Geschichtsschreibung und Bildinterpretation kritisch zu hinterfragen.
Die Ausstellung entlarvt historische Fälschungen und propagandistische Vereinnahmungen. Sie zeigt, wie ein Großereignis wie die Bauernkriege über Jahrhunderte hinweg für politische Zwecke instrumentalisiert wurde.
Wichtige Erkenntnisse
- Historische Darstellungen des Bauernkriegs sind oft politisch motiviert.
- Propaganda spielte schon 1525 eine Rolle, etwa durch Erzbischof Matthäus Lang.
- Der Bauernkrieg wurde im 19. und 20. Jahrhundert von verschiedenen Ideologien vereinnahmt.
- Die Ausstellung zeigt, wie Kunst zur Verbreitung politischer Botschaften genutzt wurde.
- Moderne Drucktechniken machten den Bauernkrieg zu einem frühen „Social-Media-Ereignis“.
Fiktion und Realität: Der Bauernführer Matthias Stöckl
Ein zentrales Beispiel für die Verzerrung der Geschichte ist das Bild eines angeblichen Bauernführers Matthias Stöckl. Dieses Gemälde, das im 19. Jahrhundert von Georg Petzold geschaffen wurde, zeigt einen heldenhaften Anführer. Doch Historikern ist klar: Matthias Stöckl hat es nie gegeben. Auch die nach ihm benannte Stöcklstraße in Parsch ist somit eine historische Fiktion.
Die Ausstellung deckt solche Mythen auf und regt zum Nachdenken an. Sie zeigt, wie wichtig es ist, vermeintliche Fakten kritisch zu prüfen. Dies gilt besonders für Ereignisse, die über lange Zeiträume hinweg interpretiert und neu erzählt wurden.
Interessanter Fakt
Der Bauernkrieg von 1525/26 war laut Kurator Andreas Zechner der größte Massenaufstand bis zur Französischen Revolution. Die sozialen Anliegen der Aufständischen waren tief begründet.
Propaganda im 16. Jahrhundert: Erzbischof Matthäus Lang
Schon zur Zeit der Bauernkriege nutzten Machthaber die Kunst der Propaganda. Erzbischof Matthäus Lang von Salzburg war ein Meister darin. Seine überzogene Steuereintreibung führte 1525 zum Aufstand der Salzburger Bürgerschaft, Bergleute und Handwerker. Diese öffneten den rebellischen Bergleuten die Stadttore. Der Erzbischof musste sich kurzzeitig auf die Festung Hohensalzburg zurückziehen.
Nach der blutigen Niederschlagung des Aufstands stellte Lang erbeutetes Kriegsgerät der Bauern auf der Festung zur Schau. So wollte er seine Macht demonstrieren und die Erinnerung an die beinahe verlorene Souveränität des Fürstentums Salzburg unterdrücken. Die Geschichte wurde von den Siegern geschrieben – und gemalt.
„Seine mediale Verbreitung machte den Bauernkrieg zu einem frühen Social-Media-Ereignis europäischer Geschichte“, erklärt Cornelia Mathe, Kunsthistorikerin im Salzburg Museum. „Ein Umstand, dem die Revolte auch ihre anhaltende Präsenz in Kunst und Literatur nachfolgender Jahrhunderte verdankte.“
Bauernkrieg als Projektionsfläche: 19. und 20. Jahrhundert
Die Ereignisse der Bauernkriege wurden über die Jahrhunderte hinweg immer wieder neu interpretiert. Nach der Märzrevolution von 1848 erlebten sie eine ideengeschichtliche Neubewertung. Sie entwickelten sich zu einer beliebten Projektionsfläche für verschiedene politische Strömungen.
Einerseits sahen Sozialisten die Aufständischen als Vorreiter im Kampf der Arbeiterklasse. Es ging um politische Mitbestimmung und die Verbesserung der Lebensumstände. Andererseits interpretierten Nationalkonservative die Bauern als Archetypen des „gemeinen Mannes“. Dieser erhebt sich im Kampf um angestammte Rechte und die Verteidigung seiner „Heimat“.
Historischer Kontext
Die Reformation und die Bauernkriege im frühen 16. Jahrhundert profitierten stark von neuen Drucktechniken. Flugblätter ermöglichten eine schnelle und weite Verbreitung von Informationen und Aufrufen. Dies trug wesentlich zur Dynamik der Aufstände bei.
Kunst als politisches Werkzeug: Von Walch bis Reisenblichler
Die Ausstellung zeigt eindrücklich, wie Künstler die Bauernkriegsthematik für unterschiedliche politische Agenden nutzten. Aloys Walch schuf im 20. Jahrhundert, in der Zwischenkriegszeit, Blätter, die aufständische Bauern an Galgen und Bäumen zeigen. Diese Darstellungen waren sowohl für Kommunisten als auch für die erstarkenden Nationalsozialisten von Interesse. Letztere nutzten sie, um ihre „Blut- und Boden“-Ideologie zu untermauern.
Besondere Aufmerksamkeit verdienen die großformatigen Bilder von Karl Reisenblichler. Er füllte nicht nur Hausfassaden in Salzburg mit nationalsozialistischer Motivik, sondern malte auch Bauernkrieg-Szenen für das Sternbräu. Dort hängen sie bis heute. Viele Gäste, die dort ihr Bier trinken, nehmen die unterschwelligen Botschaften dieser Historienmalerei nicht bewusst wahr.
Gegensätzliche Perspektiven: Egger Lienz und Kollwitz
Die Ausstellung stellt diesen propagandistischen Werken auch andere künstlerische Sichtweisen gegenüber. Künstler wie Albin Egger Lienz und Käthe Kollwitz hatten eine völlig andere Perspektive auf die Bauernkriege. Ihnen ging es darum, soziale Ungerechtigkeit anzuprangern und das Leid der Bevölkerung darzustellen. Ihre Werke bieten einen wichtigen Kontrast zu den politisch motivierten Darstellungen.
- Albin Egger Lienz: Bekannt für seine Darstellungen des bäuerlichen Lebens und des Krieges.
- Käthe Kollwitz: Fokussierte sich auf das Elend der Arbeiterklasse und die Schrecken des Krieges.
Die Ausstellungsarchitektur selbst ist bemerkenswert: Bilder, Grafiken und Texttafeln sind auf Baugerüsten befestigt. Empfindlichere Blätter liegen in metallenen Schubladen-Boxen. Dies schafft eine anschauliche und zugängliche Präsentation. Sie zieht Querverbindungen zwischen Salzburger Exponaten und der „großen Kunst“ Europas.
Die Schau im Nordoratorium des DomQuartiers ist eine Einladung, die Vergangenheit nicht nur zu betrachten, sondern aktiv zu hinterfragen. Sie zeigt, dass Geschichte nie nur eine einfache Erzählung ist, sondern stets auch ein Produkt ihrer Zeit und ihrer Interpreten.





