Die ehemalige Schauspielchefin der Salzburger Festspiele, Marina Davydova, hat sich nach ihrem außergerichtlichen Vergleich im Dezember 2024 erstmals umfassend zu ihrem Abgang geäußert. In einem Interview mit dem russischen Exilmedium Meduza sprach sie von „psychischen Problemen“ ihres früheren Vorgesetzten, Intendant Markus Hinterhäuser, und strukturellen Konflikten innerhalb der Festspiele.
Wichtigste Punkte
- Marina Davydova kritisiert den Führungsstil von Intendant Markus Hinterhäuser.
- Sie spricht von strukturellen Konflikten und mangelnder Eigenständigkeit der Schauspielleitung.
- Davydovas Vertrag wurde Ende November 2024 fristlos gekündigt, später kam es zu einem Vergleich.
- Die Position der Schauspielleitung ist ein Jahr nach ihrem Abgang weiterhin unbesetzt.
Davydovas Sicht auf den Abgang
Marina Davydova war Ende November 2024 von den Salzburger Festspielen fristlos entlassen worden. Offizieller Grund war eine nicht genehmigte Beratertätigkeit bei einem Berliner Theaterfestival. Zwei Wochen später einigten sich die Parteien außergerichtlich, wodurch ein Rechtsstreit vermieden wurde. Über die Höhe einer möglichen Abfindung wurde Stillschweigen vereinbart.
Im Meduza-Interview schilderte Davydova nun ihre Version der Ereignisse. Sie betonte, dass sie die offizielle Darstellung nicht für den wahren Grund ihrer Entlassung hält. Stattdessen habe es tiefgreifende Konflikte gegeben, die das Arbeitsverhältnis unmöglich machten.
Faktencheck
- Kündigung: Ende November 2024, fristlos.
- Grund laut Festspiele: Nicht genehmigte Tätigkeit bei Berliner Theaterfestival.
- Vergleich: Außergerichtliche Einigung im Dezember 2024.
- Abfindung: Stillschweigen vereinbart.
Kritik am Führungsstil und strukturellen Problemen
Davydova äußerte sich im Interview kritisch über den Führungsstil von Markus Hinterhäuser. Sie berichtete, von ihm angeschrien worden zu sein. Dies sei etwas, das sie „nach allen ‚MeToo‘-Wellen im Zentrum Europas“ nicht mehr für möglich gehalten habe. Gleichzeitig räumte sie ein, Hinterhäuser sei „ein feinsinniger und kluger Mensch mit Gespür für Kunst“, fügte jedoch hinzu: „Intellektuelle Brillanz schützt nicht vor psychischen Problemen.“
Sie zog einen Vergleich zum politischen Bereich:
„Im politischen Leben hat der Narzissmus von Donald Trump den Charakter der USA verändert. Festivals sollten diese politische Realität nicht nachahmen, sondern sich ihr entgegenstellen.“
Diese Aussage unterstreicht Davydovas Überzeugung, dass der Führungsstil in Kulturinstitutionen eine besondere Verantwortung trägt.
Hintergrund der Festspiele
Die Salzburger Festspiele sind eines der weltweit bedeutendsten Festivals für Musik und darstellende Kunst. Sie finden jedes Jahr im Sommer statt und ziehen ein internationales Publikum an. Das Programm umfasst Oper, Schauspiel und Konzerte. Die Leitung obliegt einem Direktorium, an dessen Spitze der Intendant steht.
Schauspiel als Konkurrenz zur Oper?
Ein zentraler Punkt ihrer Kritik betrifft die interne Struktur der Festspiele. Davydova vertritt die Ansicht, der Intendant betrachte das Schauspiel als Konkurrenz zur Oper. Sie beschreibt ein System, in dem der Intendant das Opernprogramm verantwortet, während die Schauspielleitung de facto keine eigenständige Entscheidungsgewalt besitzt und vom Intendanten abhängig ist.
Davydova war nach Salzburg geholt worden, um das Schauspielprogramm international sichtbarer zu machen. Sie verwies auf Produktionen wie Krystian Lupas fünfstündiges Stück in litauischer Sprache, das neues Publikum angezogen habe. Hinterhäuser habe jedoch offenbar eine Schauspielleitung bevorzugt, „die bescheiden in seinem Schatten steht“.
Redigierte Interviewpassagen
Auffällig ist, dass das Interview mit Meduza im Laufe des Erscheinungstages um einige Passagen entschärft wurde. Das Medium merkte an: „Nach der Publikation dieses Interviews wurden einige Antworten auf Bitte von Marina Davydova redigiert.“ Dies deutet auf eine mögliche Nachverhandlung oder den Wunsch Davydovas hin, bestimmte Formulierungen abzuschwächen.
Reaktionen und offene Fragen
Weder Intendant Markus Hinterhäuser noch das Direktorium der Salzburger Festspiele wollten sich am Mittwoch zu Davydovas Kritik äußern. Bereits im Dezember 2024 hatte das Kuratorium der Salzburger Festspiele erklärt, man nehme Kritik am Führungsstil ernst. Unterschiedliche künstlerische Auffassungen würden jedoch als Teil des kreativen Prozesses betrachtet.
Ein Jahr nach Davydovas Ausscheiden ist die Position der Schauspielleitung weiterhin unbesetzt. Nach der jüngsten Kuratoriumssitzung soll die Stelle nun ausgeschrieben werden. Eine Entscheidung wird bis Februar 2026 erwartet. Das Festspielprogramm für 2026 wird bereits am 4. Dezember 2025 präsentiert, wie die Salzburger Festspiele bekanntgaben. Dies bedeutet, dass die Programmplanung für das Schauspiel vor der Neubesetzung der Leitung erfolgen muss, was die strukturellen Herausforderungen weiter unterstreicht.
Die Situation wirft Fragen zur zukünftigen Ausrichtung des Schauspielprogramms und zur internen Dynamik der Salzburger Festspiele auf. Die Suche nach einer neuen Schauspielleitung ist ein entscheidender Schritt, um Stabilität und eine klare künstlerische Vision für diesen wichtigen Bereich des Festivals zu gewährleisten.





