In Salzburg wächst die Kritik an der geplanten Verteilung neuer Kassenarztstellen bis zum Jahr 2030. Während Wien 215 zusätzliche Stellen erhalten soll, sind für die restlichen acht Bundesländer zusammen nur 155 vorgesehen. Salzburg selbst soll lediglich elf neue Stellen bekommen, was bei Vertretern aus Politik und Ärzteschaft auf Unverständnis stößt und die Sorge vor längeren Wartezeiten für Patienten schürt.
Ein Plan, der Fragen aufwirft
Die Österreichische Gesundheitskasse (ÖGK) hat einen Plan zur Neuverteilung von Vertragsarztstellen für die kommenden Jahre vorgelegt. Dieser sieht eine deutliche Konzentration neuer Stellen in der Bundeshauptstadt vor. Von den insgesamt 370 neu geplanten Stellen für Kassen-, Fach- und Zahnärzte sollen 215 auf Wien entfallen. Die verbleibenden 155 Stellen werden auf die anderen acht Bundesländer aufgeteilt.
Für Salzburg bedeutet dies einen Zuwachs von nur elf Stellen. Diese Diskrepanz hat zu einer Welle der Kritik geführt. Vertreter aus Salzburg sehen ihr Bundesland klar benachteiligt und warnen vor negativen Folgen für die medizinische Versorgung der Bevölkerung.
Die wichtigsten Punkte
- Wien soll bis 2030 215 neue Kassenarztstellen erhalten, Salzburg nur elf.
- Salzburger Vertreter aus Politik und Ärzteschaft kritisieren die Verteilung als ungerecht.
- Es wird eine Verschlechterung der medizinischen Versorgung und längere Wartezeiten befürchtet.
- Die ÖGK argumentiert, dass Wien spitalslastig sei und der niedergelassene Bereich gestärkt werden müsse.
Scharfe Kritik aus Salzburg
Thom Kinberger, der Landesobmann der ÖGK in Salzburg, findet deutliche Worte für die Pläne. Er bezeichnete die Aufteilung als einen Skandal, der von der Realität entkoppelt sei. Seiner Ansicht nach passt die Zuteilung weder zum Einwohnerrichtwert noch zum tatsächlichen Bedarf.
„Was Wien mit 215 neuen Kassenarztstellen zugesprochen bekommen hat, ist völlig von der Realität entkoppelt. Das passt weder mit dem Einwohnerrichtwert zusammen noch mit dem Bedarf.“
Kinberger argumentiert weiter, dass Wien bereits über eine „perfekte Gesundheitsversorgung“ verfüge. Er befürchtet, dass Wien die Arztstellen quasi absauge, während der Rest Österreichs auf der Strecke bleibe. Zudem sei Salzburg ein Nettozahler innerhalb der ÖGK, das mehr in den gemeinsamen Haushalt einzahle, als es zurückbekomme. Wien hingegen sei für rund 60 Prozent des Budgetdefizits der Krankenkasse verantwortlich.
Land und Ärztekammer teilen die Bedenken
Auch Salzburgs Gesundheitslandesrätin Daniela Gutschi (ÖVP) äußert ihr Unverständnis über die Vorgehensweise. „Wenn man an der Nase herumgeführt wird bzw. das Gefühl hat, dass mit zweierlei Maß gemessen wird, dann ist das nicht in Ordnung“, so Gutschi. Sie fordert eine offene Diskussion über die Verteilungskriterien.
Die Salzburger Ärztekammer schließt sich der Kritik an. Präsident Matthias Vavrovsky verweist auf die demografische Entwicklung und den damit steigenden Bedarf an medizinischer Versorgung. Schon jetzt gebe es in Salzburg vor allem im fachärztlichen Bereich lange Wartezeiten für Patienten.
Wartelisten in Salzburg
Laut Ärztekammerpräsident Vavrovsky gibt es in Salzburg bereits lange Wartelisten von Ärzten, die sich für eine Kassenstelle interessieren. Der Bedarf an medizinischer Versorgung steige, doch die Zuteilung neuer Stellen bleibe gering. In den letzten Jahren habe man immer wieder um neue Stellen kämpfen müssen.
Vavrovsky betont, dass es viele Mediziner gebe, die gerne eine Kassenpraxis eröffnen würden. „Wir haben lange Wartelisten und Kolleginnen, die sich für Kassenstellen interessieren würden. Nur leider haben wir in den letzten Jahren immer wieder um diese Stellen streiten müssen“, erklärt er die Situation.
Die Argumentation der ÖGK und Wiens
Die zentrale Leitung der ÖGK und Vertreter aus Wien weisen die Kritik zurück. ÖGK-Generaldirektor Bernhard Wurzer betont, dass niemandem etwas weggenommen werde. Vielmehr werde die niedergelassene Versorgung in allen Bundesländern massiv ausgebaut.
Die hohe Zahl für Wien erklärt Wurzer mit der besonderen Struktur der Hauptstadt. Wien sei „besonders spitalslastig“, da Krankenhäuser und Ambulanzen dort leichter erreichbar seien als in ländlichen Gebieten. Um diesem Trend entgegenzuwirken, müsse der niedergelassene Sektor in Wien gezielt gestärkt werden.
Hintergrund: Spitalslastigkeit und Mitfinanzierung
Die ÖGK erklärt, dass in Wien eine Verlagerung der medizinischen Versorgung von den Spitälern hin zu niedergelassenen Ärzten angestrebt wird. Diese Umstrukturierung müsse die Stadt Wien jedoch mitfinanzieren. Ein Teil der zusätzlichen Stellen in Wien, etwa in Ambulatorien oder Primärversorgungszentren, werde daher von der Stadt mitgetragen. Der Bedarf an Stellen werde von einem Institut auf Basis von Bevölkerungs- und Demografiedaten ermittelt.
Auch der Wiener Ärztekammerpräsident Johannes Steinhart relativiert die Zahlen. Er spricht von lediglich 35 neuen Kassenplanstellen für Fachärzte in Einzelpraxen innerhalb von fünf Jahren. Seine Kammer habe ursprünglich 300 neue Stellen gefordert, umgesetzt werde aber nur ein Bruchteil davon. Die ÖGK stellt klar, dass sich Steinharts Zahl nur auf Einzelpraxen beziehe und die restlichen Stellen auf andere Versorgungsformen wie Ambulatorien entfallen.
Forderung nach mehr Transparenz
Für den Salzburger ÖGK-Obmann Thom Kinberger liegt ein Kernproblem in der mangelnden Transparenz des Entscheidungsprozesses. Er kritisiert, dass die Landesvertreter nur Informationen erhalten, die ihr eigenes Bundesland betreffen, und auf dieser schmalen Basis weitreichende Entscheidungen treffen müssen.
„Du bekommst natürlich nur diesen kleinen Fokus, der dich in deinem Bundesland betrifft“, sagt Kinberger. „Und mit dieser Information musst du dann Entscheidungen treffen, und diese Intransparenz ist wirklich unglaublich.“
Er fordert ein Eingreifen auf bundespolitischer Ebene, um die Kriterien und den gesamten Prozess zu hinterfragen. In dieser Forderung sei er sich mit vielen Kollegen aus anderen Bundesländern einig. Die Verhandlungen seien von hohem Spardruck geprägt gewesen, und die Bundesländer hätten den Vorgaben aus der Wiener Zentrale im Wesentlichen nur zustimmen können.
Die Debatte zeigt eine tiefe Kluft zwischen den Bundesländern und der zentralen Verwaltung der Gesundheitskasse. Während die einen eine gezielte Stärkung des urbanen Raums verteidigen, fühlen sich die anderen in der medizinischen Versorgung ihrer Bevölkerung zurückgelassen. Die kommenden Jahre werden zeigen, wie sich diese Verteilung auf die Gesundheitsversorgung in ganz Österreich auswirken wird.





