Salzburg steht vor einer ernsten Herausforderung im Gesundheitswesen. Durch die bevorstehende Pensionierungswelle der Babyboomer-Generation könnte das Bundesland bis zum Jahr 2032 ein Drittel seiner Ärzte und Pflegekräfte verlieren. Experten warnen vor Engpässen und fordern rasches Handeln, um die Versorgung der Bevölkerung sicherzustellen.
Die vom Land eingerichtete „Pflegeplattform III“ hat ihre Arbeit aufgenommen, um Strategien gegen den drohenden Personalmangel zu entwickeln. Im Fokus stehen dabei nicht nur die Schaffung neuer Pflegeplätze, sondern vor allem die intelligente Nutzung vorhandener Ressourcen und die Entlastung pflegender Angehöriger.
Wichtige Erkenntnisse
- Bis 2032 wird in Salzburg ein Drittel des medizinischen Personals in den Ruhestand gehen.
- Es werden rund 1.500 neue Pflegekräfte benötigt, um den Mangel auszugleichen.
- Experten fordern die Zusammenführung von Gesundheitsdaten und die Entlastung pflegender Angehöriger.
- Die Landesregierung plant 700 zusätzliche Pflegebetten, will aber populistische Scheinlösungen vermeiden.
Die demografische Zeitbombe tickt
Die Zahlen sind alarmierend. Die Generation der Babyboomer, geboren zwischen 1946 und 1964, bildet das Rückgrat des aktuellen Salzburger Gesundheitssystems. Ihr bevorstehender Eintritt in den Ruhestand wird eine Lücke reißen, die nur schwer zu füllen sein wird. Jürgen Osterbrink, Leiter einer Arbeitsgruppe der Pflegeplattform III, bringt das Problem auf den Punkt: Ein Drittel weniger Fachkräfte bedeutet einen massiven Druck auf die verbleibenden Mitarbeiter und eine potenzielle Gefährdung der Versorgungsqualität.
Die erste Sitzung der Plattform machte deutlich, dass die Zeit für lange Diskussionen vorbei ist. Ein konkreter Fahrplan wurde abgesteckt, um die benötigten 1.500 neuen Pflegekräfte zu gewinnen. Dabei soll es sich nicht um eine einzelne große Maßnahme handeln, sondern um eine Vielzahl kleinerer, gezielter Schritte.
Daten sind vorhanden aber nicht vernetzt
Ein zentrales Problem, das Osterbrink identifiziert, ist die mangelnde Vernetzung von Gesundheitsdaten. „Wir haben keinen Mangel an Gesundheitsdaten, aber ein Problem mit der Zusammenführung“, bestätigte auch Soziallandesrat Wolfgang Fürweger (FPÖ) diese Einschätzung. In Salzburg sei so viel über den Gesundheitszustand der Bevölkerung bekannt wie in kaum einer anderen Region Österreichs. Man wisse beispielsweise genau, wie viele Menschen welchen Alters in welchem Gebiet mit einem bestimmten Diabetes-Risiko leben.
Salzburgs Datenreichtum
Obwohl detaillierte Gesundheitsdaten für die Salzburger Bevölkerung existieren, dürfen diese aus Datenschutzgründen oft nicht zwischen verschiedenen Organisationen ausgetauscht werden. Dies erschwert eine landesweite, bedarfsgerechte Planung von Versorgungsleistungen.
Diese Daten liegen jedoch verstreut bei verschiedenen Organisationen und können nicht auf Knopfdruck für eine übergreifende Planung genutzt werden. Osterbrink schlägt daher vor, diese Informationen in einem zentralen Aktionsplan zusammenzuführen. Dies wäre eine kostengünstige und schnell umsetzbare Maßnahme, um die Versorgung effizienter zu gestalten.
Pflege findet hauptsächlich zu Hause statt
Ein weiterer entscheidender Punkt in der Debatte ist die Rolle der pflegenden Angehörigen. Sie sind die unsichtbare Säule des Pflegesystems. „80 Prozent der Pflege findet zu Hause statt“, betont Osterbrink. Diese Menschen leisten Enormes, stoßen aber oft an ihre Belastungsgrenzen. Wenn sie selbst zu Pflegefällen werden, droht das System zu kollabieren.
Daher sei es unerlässlich, Angebote zur Entlastung zu schaffen. Der Pflegewissenschafter sieht hier großes Potenzial in digitalen Lösungen. So könnten beispielsweise verstärkt Videocalls mit Ärzten und Pflegepersonal über Smartphones genutzt werden. Dies würde es ermöglichen, frühzeitig Befunde zu analysieren und den Unterstützungsbedarf zu erkennen, ohne dass die Angehörigen lange Anfahrtswege auf sich nehmen müssen.
„Zehn neue Heime zu bauen, ist zwar das, was Menschen hören wollen, aber nicht zu schaffen.“
Osterbrink warnt in diesem Zusammenhang vor populistischen Forderungen. Der alleinige Fokus auf den Bau neuer Pflegeheime greife zu kurz und sei unrealistisch. Es gehe vielmehr darum, die bestehenden Strukturen zu stärken und die häusliche Pflege zu unterstützen.
Die Pläne der Landesregierung
Soziallandesrat Wolfgang Fürweger reagierte auf die Expertenmeinung und stellte die Pläne des Landes klar. „Wir werden 700 Pflegebetten zusätzlich bauen, das heißt aber nicht zehn neue Heime.“ Diese Zahl entspreche dem errechneten Bedarf, der gedeckt werden müsse. Die Umsetzung werde jedoch in bestehende Strukturen integriert oder durch gezielte Erweiterungen erfolgen.
Was ist die Pflegeplattform III?
Die Pflegeplattform III ist ein vom Land Salzburg initiiertes Gremium, in dem Experten aus verschiedenen Bereichen des Gesundheits- und Sozialwesens zusammenarbeiten. In neun Arbeitsgruppen werden konkrete Maßnahmen erarbeitet, um die Pflegeversorgung im Bundesland für die Zukunft zu sichern. Die Ergebnisse sollen bis Ende März vorliegen.
Fürweger stimmte Osterbrink auch beim Thema der Wartelisten zu. Derzeit führen verschiedene Einrichtungen eigene Listen, was einen landesweiten Überblick unmöglich macht. Die Idee einer zentralen, transparenten Warteliste für das gesamte Bundesland wird daher als überlegenswert erachtet. Dies könnte die Verteilung von Behandlungsplätzen gerechter und effizienter machen.
Herausforderungen in Stadt und Land
Die Analyse zeigt auch deutliche Unterschiede zwischen städtischen und ländlichen Gebieten. Während in der Stadt Salzburg die Wartelisten für medizinische Behandlungen ein Problem darstellen, kämpfen ländliche Regionen mit anderen Schwierigkeiten.
Besonders die ambulanten Dienste sind in dünn besiedelten Gebieten unterversorgt. Es mangelt an flächendeckenden Wochenend- und Nachtdiensten. Lange Anfahrtszeiten, insbesondere im Winter, stellen für mobile Pflegedienste eine erhebliche Herausforderung dar und machen die Versorgung zeit- und kostenintensiv.
- Ländliche Gebiete: Mangel an Wochenend- und Nachtdiensten, lange Anfahrtswege.
- Städtische Gebiete: Lange, unkoordinierte Wartelisten für Behandlungen.
Die Arbeit der Pflegeplattform III wird sich nun darauf konzentrieren, für diese unterschiedlichen Problemlagen maßgeschneiderte Lösungen zu entwickeln. Bis Ende März soll die inhaltliche Arbeit der Arbeitsgruppen weitgehend abgeschlossen sein. Anschließend wird eine genaue Kostenanalyse durchgeführt, um die Finanzierbarkeit der vorgeschlagenen Maßnahmen zu bewerten. Salzburg steht vor einer gewaltigen Aufgabe, doch die Weichen für eine zukunftsfeste Pflege werden jetzt gestellt.





