Für die meisten Menschen wurde der Begriff „Triage“ erst während der Corona-Pandemie zu einem greifbaren Schreckensszenario. Für Clemens Seelmaier, leitender Oberarzt der kardiologischen Intensivstation am Uniklinikum Salzburg, ist die dahinterstehende Realität medizinischer Alltag: die tägliche, schwierige Entscheidung über die Zuteilung begrenzter Ressourcen.
Es sind Fragen über Leben und Tod, die Seelmaier und sein Team beantworten müssen. Wer erhält das letzte verfügbare Beatmungsgerät? Wann ist der Punkt erreicht, an dem eine lebenserhaltende Behandlung beendet werden muss? Diese Entscheidungen sind an strenge ethische und medizinische Kriterien gebunden und stellen eine enorme Belastung für alle Beteiligten dar.
Das Wichtigste in Kürze
- Triage ist Alltag: Auf Intensivstationen sind Entscheidungen über die Verteilung knapper Ressourcen wie Betten oder Geräte eine ständige Herausforderung, nicht nur in Pandemiezeiten.
- Medizinische Prognose entscheidet: Die Zuteilung erfolgt ausschließlich nach der Erfolgsaussicht einer Behandlung, nicht nach Alter, Herkunft oder sozialem Status.
- Der Patientenwille zählt: Eine Patientenverfügung ist ein entscheidendes Dokument, das den Ärzten hilft, im Sinne der Betroffenen zu handeln.
- Kommunikation ist zentral: Offene und ehrliche Gespräche mit den Angehörigen sind ein wesentlicher und emotional fordernder Teil der ärztlichen Arbeit.
Was Triage wirklich bedeutet
Das Wort Triage stammt aus dem Französischen und bedeutet „Auswahl“ oder „Sichtung“. In der Medizin beschreibt es den Prozess, Patienten nach der Dringlichkeit ihrer Behandlung und ihren Überlebenschancen einzuteilen, wenn die verfügbaren Mittel nicht für alle ausreichen.
„Viele verbinden damit die Vorstellung, dass Ärzte aktiv entscheiden, wer sterben muss“, erklärt Clemens Seelmaier. „Das ist aber eine falsche Darstellung.“ In der Praxis gehe es darum, die begrenzten Möglichkeiten dort einzusetzen, wo sie den größten medizinischen Nutzen versprechen. Ein Patient mit einer sehr geringen Überlebenschance trotz maximaler Therapie würde möglicherweise kein Beatmungsgerät erhalten, wenn ein anderer Patient mit einer deutlich besseren Prognose ebenfalls darauf angewiesen ist.
Hintergrund: Die rechtliche und ethische Grundlage
In Österreich gibt es keine Gesetze, die Triage explizit regeln. Medizinische Entscheidungen basieren auf ethischen Richtlinien von Fachgesellschaften. Das oberste Prinzip ist dabei immer die medizinische Erfolgsaussicht. Kriterien wie Alter, Geschlecht, soziale Stellung oder Behinderung dürfen keine Rolle spielen. Ziel ist es, so viele Leben wie möglich zu retten und Leid zu minimieren.
Der Druck auf der Intensivstation
Clemens Seelmaier leitet die kardiologische Intensivstation am Salzburger Uniklinikum. Sein Arbeitsalltag ist geprägt von hochkomplexen medizinischen Fällen und dem ständigen Druck, schnelle und richtige Entscheidungen zu treffen. „Jedes Bett ist kostbar, jedes Gerät wird gebraucht“, beschreibt er die Situation.
Die Knappheit ist nicht immer dramatisch, aber sie ist ein ständiger Faktor. Es geht nicht nur um Beatmungsgeräte, sondern auch um spezialisiertes Personal, Medikamente oder die Verfügbarkeit von Operationssälen. Jede Entscheidung für einen Patienten kann Konsequenzen für einen anderen haben. Diese Verantwortung wiegt schwer.
„Man stumpft nicht ab“, betont Seelmaier. „Jeder Fall ist ein Mensch, eine Familie, eine Geschichte. Diese Last nimmt man auch mit nach Hause.“
Die schwerste Entscheidung: Wann man aufhört
Eine der schwierigsten Aufgaben für Intensivmediziner ist die Entscheidung, eine Therapie zu beenden. Dies geschieht, wenn alle medizinischen Möglichkeiten ausgeschöpft sind und keine realistische Aussicht auf Besserung mehr besteht. Das Ziel ist dann nicht mehr die Lebensverlängerung um jeden Preis, sondern die Vermeidung von unnötigem Leid.
„Wir verlängern nicht das Leben, sondern das Sterben. Das ist ein entscheidender Unterschied“, so Seelmaier. Hierbei spielt der mutmaßliche Wille des Patienten eine zentrale Rolle. Liegt eine Patientenverfügung vor, ist diese bindend. Ohne ein solches Dokument müssen die Ärzte gemeinsam mit den Angehörigen versuchen, die beste Entscheidung im Sinne des Patienten zu treffen.
„Unsere Aufgabe ist es, den Menschen eine würdevolle letzte Lebensphase zu ermöglichen, auch wenn das bedeutet, eine Behandlung zu beenden. Es geht darum, Leiden zu lindern, nicht es künstlich in die Länge zu ziehen.“
Die Rolle der Angehörigen
Die Kommunikation mit den Familien der Patienten ist ein zentraler und oft emotional zermürbender Teil der Arbeit. Ärzte müssen komplexe medizinische Sachverhalte verständlich erklären und gleichzeitig schlechte Nachrichten überbringen. Es erfordert enormes Einfühlungsvermögen, den Angehörigen zu vermitteln, dass eine weitere Behandlung aussichtslos ist.
„Diese Gespräche sind oft das Schwierigste an unserem Beruf“, gibt Seelmaier zu. „Man sieht die Verzweiflung und die Trauer in den Augen der Menschen. Aber Ehrlichkeit und Transparenz sind in diesen Momenten unerlässlich.“
Fakten zur Intensivmedizin in Österreich
- Bettenkapazität: Österreich verfügt über eine im internationalen Vergleich hohe Dichte an Intensivbetten. Dennoch kommt es regional und saisonal immer wieder zu Engpässen.
- Personalmangel: Die größte Herausforderung ist nicht die Anzahl der Betten, sondern der Mangel an qualifiziertem Pflegepersonal, das für die Betreuung der Patienten notwendig ist.
- Kosten: Ein Tag auf einer Intensivstation kostet mehrere tausend Euro, was den hohen technischen und personellen Aufwand widerspiegelt.
Ein Thema für die ganze Gesellschaft
Die Fragen, die sich auf einer Intensivstation stellen, sind nicht nur medizinischer Natur. Sie berühren tiefgreifende ethische und gesellschaftliche Werte. Die Corona-Pandemie hat diese Debatte in die Öffentlichkeit getragen, doch sie muss auch in ruhigeren Zeiten geführt werden.
Clemens Seelmaier sieht es als wichtig an, dass sich jeder Mensch mit der eigenen Endlichkeit auseinandersetzt. „Eine Patientenverfügung zu erstellen, ist kein Zeichen von Resignation, sondern von Selbstbestimmung. Sie nimmt den Angehörigen und uns Ärzten eine schwere Last von den Schultern.“
Letztendlich geht es bei der Triage und den Entscheidungen am Lebensende um eine fundamentale Frage: Wie gehen wir als Gesellschaft mit den Grenzen der Medizin um? Die Arbeit von Ärzten wie Clemens Seelmaier zeigt, dass diese Frage jeden Tag aufs Neue beantwortet werden muss – mit medizinischer Expertise, ethischer Verantwortung und vor allem mit Menschlichkeit.





