Am 20. Mai 1972 erlebte Salzburg einen der heftigsten politischen Proteste seiner Nachkriegsgeschichte. Tausende Demonstranten gingen gegen den Besuch von US-Präsident Richard Nixon auf die Straße. Die Auseinandersetzungen gipfelten in einer versuchten Besetzung des Flughafens und einem harten Vorgehen der Polizei, das die Stadt nachhaltig prägte.
Die wichtigsten Fakten
- Am 20. Mai 1972 demonstrierten bis zu 2.500 Menschen in Salzburg gegen den Vietnamkrieg und den Besuch von US-Präsident Richard Nixon.
- Eine Gruppe von etwa 200 Protestierenden durchbrach die Absperrungen am Salzburger Flughafen und besetzte kurzzeitig das Rollfeld.
- Die Polizei setzte Schlagstöcke ein, um die Demonstration aufzulösen, was zu zahlreichen Verletzten führte.
- Die Ereignisse waren Teil der europaweiten Studenten- und Protestbewegung der späten 60er und frühen 70er Jahre.
Ein Zwischenstopp mit weitreichenden Folgen
Richard Nixon war auf dem Weg zu einem historischen Treffen mit dem sowjetischen Staatschef Leonid Breschnew in Moskau. Sein kurzer Aufenthalt in Salzburg war als diplomatischer Zwischenstopp geplant, doch er wurde zu einem Symbol für den tiefen Riss, der damals durch die Gesellschaft ging. Der Vietnamkrieg war auf seinem Höhepunkt, und die US-Politik stand weltweit in der Kritik.
Schon Wochen vor dem Besuch mobilisierten verschiedene linke und studentische Gruppen in ganz Österreich und Deutschland. Flugblätter mit Parolen wie „Bereitet dem Völkermörder Nixon einen heißen Empfang in Salzburg!“ zirkulierten in den Universitätsstädten und riefen zum Widerstand auf. Die Behörden reagierten mit massiven Sicherheitsvorkehrungen.
Der politische Hintergrund
Die Proteste von 1972 fanden vor dem Hintergrund der globalen 68er-Bewegung statt. Junge Menschen stellten autoritäre Strukturen, überkommene Moralvorstellungen und die Politik der Großmächte in Frage. Der Vietnamkrieg war dabei ein zentrales Thema, das eine ganze Generation politisierte und zu Massenprotesten auf der ganzen Welt führte.
Salzburg: Eine konservative Hochburg im Aufruhr
Im Vergleich zu Metropolen wie Wien, Berlin oder Paris galt Salzburg nicht als Zentrum der Studentenbewegung. Die Stadt war touristisch geprägt, die Universität hatte kein zentrales Gebäude, was die Organisation von Protesten erschwerte. Ein Großteil der Studierenden galt als politisch wenig aktiv.
Dennoch gab es eine engagierte Minderheit, die immer wieder für Aufsehen sorgte. Ein Vorfall, der die konservative Seele der Stadt erschütterte, ereignete sich bereits zwei Jahre zuvor. Am 14. Mai 1970 ließen Studierende während eines „Zapfenstreichs“ von Traditionsverbänden ein eingefettetes Ferkel namens Jolande frei, um die Veranstaltung zu stören. Die Aktion sorgte für einen Skandal.
Gottfried Solderer, damals Student und später eine prägende Figur der Südtiroler Medienlandschaft, war einer der Aktivisten. Er erinnerte sich daran, dass die Atmosphäre in Salzburg oft von einem „erzkonservativen Denken“ geprägt war, das wenig Raum für kritische Stimmen ließ. Dennoch boten Treffpunkte wie die „Bude“ der Südtiroler Hochschülerschaft (SH) einen Ort für politische Debatten.
Der 20. Mai 1972: Eskalation am Flughafen
Am Samstagnachmittag des 20. Mai versammelten sich die Demonstranten am Südtiroler Platz vor dem Hauptbahnhof. Die Schätzungen zur Teilnehmerzahl schwanken zwischen 1.500 und 2.500 Menschen. Der Protestzug bewegte sich zunächst friedlich durch die Innenstadt, doch die Stimmung war angespannt.
Auf dem Weg in Richtung Flughafen spaltete sich eine Gruppe von etwa 200 entschlossenen Aktivisten ab. Ihr Ziel: das Rollfeld zu besetzen und die Landung von Nixons Air Force One zu verhindern. Es gelang ihnen, die Polizeisperren zu durchbrechen und auf das Flughafengelände vorzudringen.
Eine Stunde in der Luft
Durch die Besetzung der Landebahn wurde der Flugverkehr für fast 40 Minuten lahmgelegt. Die Maschine des US-Präsidenten musste laut Zeitzeugenberichten etwa eine Stunde lang über dem Flughafen kreisen, bevor sie landen konnte.
Die Reaktion der Sicherheitskräfte war hart. Mit Stahlhelmen und Gummiknüppeln gingen die Beamten gegen die Demonstranten vor. Augenzeugen berichteten von chaotischen Szenen und großer Brutalität. Gottfried Solderer war unter jenen, die auf dem Asphalt lagen und von der Polizei verprügelt wurden.
„Um sich Mut zu machen, gingen die Polizisten mit Indianergebrüll und Gummiknüppeln auf uns los. Als wir vertrieben wurden, fiel eine Freundin von mir in ein Straßenloch und ich habe versucht, ihr zu helfen. Ohne Rücksicht haben sie auf uns eingeprügelt.“
Offiziell wurden 25 Verletzte gemeldet, die Dunkelziffer dürfte jedoch deutlich höher gewesen sein. Zahlreiche Personen wurden verhaftet. Erst am späten Abend, um 22:40 Uhr, konnte Richard Nixon schließlich in einem geräumten und gesicherten Flughafen landen, wo er von Bundeskanzler Bruno Kreisky empfangen wurde.
Das Erbe des Protests
Für die österreichische Politik war der Vorfall ein Schock. Der damalige ÖVP-Bundesparteiobmann Karl Schleinzer nannte die Demonstration eine „ganz ungeheuerliche Geschichte“. Die Ereignisse wurden in den Medien landesweit diskutiert und zeigten, dass die gesellschaftlichen Konflikte der Zeit auch vor dem beschaulichen Salzburg nicht haltmachten.
Der Protest endete nicht mit der Räumung des Flughafens. Am folgenden Tag zündete eine kleine Gruppe, zu der auch Solderer gehörte, die amerikanische Flagge vor dem Hotel Österreichischer Hof an, wo US-Außenminister William Pierce Rogers untergebracht war. Auch diese Aktion führte zu Handgreiflichkeiten.
Für viele Teilnehmer wie Gottfried Solderer waren die Erlebnisse vom Mai 1972 eine prägende politische Erfahrung. Sie stehen für eine Zeit, in der eine junge Generation für ihre Überzeugungen auf die Straße ging und dabei auch persönliche Risiken in Kauf nahm. Der Tag, an dem Salzburg gegen einen US-Präsidenten protestierte, bleibt ein wichtiges, wenn auch oft vergessenes Kapitel der Stadtgeschichte.





