Die ehrenamtlichen Bergretter im Salzburger Pongau stehen vor einer der herausforderndsten Wintersaisonen der letzten Jahre. Seit Jahresbeginn mussten die Helfer bereits zu 80 Einsätzen ausrücken, viele davon wegen Lawinenabgängen. Diese hohe Frequenz bringt die Freiwilligen nicht nur an ihre körperlichen und mentalen Grenzen, sondern führt auch zu beruflichen und finanziellen Einbußen.
Das Wichtigste in Kürze
- 80 Einsätze seit Jahresbeginn: Eine überdurchschnittlich hohe Zahl an Alarmierungen belastet die Bergretter im Pongau.
- Berufliche Nachteile: Freiwillige müssen ihre Arbeitsplätze verlassen, was zu Minusstunden oder zusätzlichen Kosten für Arbeitgeber führt.
- Mehr als 500 Freiwillige: Ein großes Netzwerk von ehrenamtlichen Helfern in 16 Ortsstellen sichert die Rettungskette.
- Appell an Wintersportler: Bessere Tourenplanung und mehr Vorsicht im freien Gelände können helfen, die Einsatzkräfte zu entlasten.
Ein Winter der Extreme: Einsatzrekorde im Pongau
Die aktuelle Wintersaison stellt für die Salzburger Bergrettung eine besondere Belastung dar. Allein im Bezirk Pongau wurden seit Anfang des Jahres 80 Einsätze verzeichnet. Diese Zahl liegt deutlich über dem Durchschnitt und ist vor allem auf die hohe Lawinengefahr und zahlreiche Unfälle im freien Skiraum zurückzuführen.
Für die mehr als 500 freiwilligen Männer, Frauen und Jugendlichen, die in 16 Ortsstellen im Pongau rund um die Uhr bereitstehen, bedeutet jeder Alarm eine sofortige Unterbrechung ihres Alltags. Besonders bei Lawinenabgängen sind oft Dutzende Einsatzkräfte, einschließlich spezialisierter Suchhundeteams, über viele Stunden oder sogar Tage gebunden.
Das System der Freiwilligkeit
Die Bergrettung in Österreich basiert fast ausschließlich auf ehrenamtlichem Engagement. Die Mitglieder absolvieren eine anspruchsvolle Ausbildung und opfern ihre Freizeit, um anderen in alpinen Notlagen zu helfen. Ohne diesen unbezahlten Einsatz wäre eine flächendeckende Bergrettung in diesem Umfang nicht möglich.
Der Spagat zwischen Beruf und Berufung
Die hohe Einsatzfrequenz hat direkte Auswirkungen auf das Berufsleben der ehrenamtlichen Helfer. Gerhard Kremser, Bezirksleiter der Salzburger Bergrettung im Pongau, kennt die Herausforderungen aus eigener Erfahrung. Er erklärt, dass viele ihren Arbeitsplatz verlassen müssen, um an Rettungsaktionen teilzunehmen.
„Wenn es viele Einsätze gibt, dann müssen viele ihren Arbeitsplatz verlassen“, so Kremser. Die Konsequenzen sind vielfältig. „Manche sind dann freigestellt, bei anderen müssen Kollegen einspringen. Das betreffende Unternehmen muss das extra bezahlen. Bei den Kollegen entstehen Minusstunden.“
„Wir sind natürlich gerne ehrenamtlich im Einsatz und schauen, dass immer genügend Leute irgendwie von ihren Jobs loskommen, wenn Hilfe gebraucht wird.“
Persönliche Opfer für die Gemeinschaft
Kremser, der selbst als Busfahrer arbeitet, schildert ein Beispiel aus seinem Alltag: „Wenn ich im Ortsbereich von Bad Gastein unterwegs bin, dann kann ich als Bergretter in vielen Fällen umgehend auch in einen Einsatz gehen. Voraussetzung ist, dass ich jemanden als Ersatz erwische. Ich kann und darf nämlich den Bus und seine Passagiere nicht einfach stehenlassen.“
Diese Situation verdeutlicht den logistischen und persönlichen Aufwand, den die Freiwilligen betreiben. Sie müssen nicht nur ihre eigene Tätigkeit unterbrechen, sondern auch sicherstellen, dass ihre beruflichen Pflichten erfüllt werden. Dies erfordert ein hohes Maß an Flexibilität von den Helfern selbst, aber auch großes Verständnis von ihren Arbeitgebern und Kollegen.
Zahlen zur Bergrettung Pongau
- Mitglieder: Über 500
- Ortsstellen: 16
- Einsatzbereitschaft: 24 Stunden, 7 Tage die Woche
- Einsätze seit 1. Januar: 80
Trotz Warnungen im freien Gelände unterwegs
Ein wesentlicher Grund für die hohe Zahl an Einsätzen ist das Verhalten mancher Wintersportler. Trotz wiederholter und deutlicher Warnungen der Lawinenwarndienste sind viele Tourengeher und Freerider im freien Skiraum unterwegs, oft ohne ausreichende Vorbereitung oder Risikobewusstsein.
Erst am vergangenen Wochenende herrschte in den Hohen Tauern und auf den Grasbergen des Oberpinzgaues erhebliche Lawinengefahr der Stufe drei. In anderen Teilen des Pinzgaus und im Pongau galt Warnstufe zwei. Dennoch beobachteten die Einsatzkräfte regen Betrieb abseits der gesicherten Pisten.
Gerhard Kremser appelliert daher an die Eigenverantwortung der Alpinisten. Eine sorgfältige Tourenplanung, die Beachtung der aktuellen Lawinenlageberichte und eine defensive Fahrweise könnten viele Notfälle verhindern.
Wie Wintersportler die Helfer entlasten können
Die Bergrettung gibt klare Empfehlungen, um das Risiko zu minimieren und damit auch die freiwilligen Helfer zu schonen:
- Informieren: Studieren Sie vor jeder Tour den Lawinenlagebericht.
- Ausrüstung: Führen Sie immer eine vollständige Notfallausrüstung (LVS-Gerät, Sonde, Schaufel) mit und wissen Sie, wie man sie benutzt.
- Planung: Passen Sie die Tour an die Verhältnisse und das eigene Können an.
- Vorsicht: Seien Sie besonders bei Variantenfahrten im freien Skiraum zurückhaltend.
Jeder vermiedene Unfall ist eine direkte Entlastung für die ehrenamtlichen Kräfte, die ihre Zeit, Energie und oft auch ihr eigenes Geld investieren, um für die Sicherheit in den Bergen zu sorgen.





