Ermittler des Bundeskriminalamts und der Bezirkspolizei Braunau haben einen international agierenden Drogenring zerschlagen, dessen zentrale Figuren ehemalige Informanten der Salzburger Polizei waren. Die Gruppe soll über hundert Kilogramm Kokain nach Österreich geschmuggelt und hier verkauft haben. Der Straßenverkaufswert der Drogen wird auf rund zehn Millionen Euro geschätzt.
Im Zuge der „Operation Duplex“ wurden bisher 15 Personen festgenommen oder bereits zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt. Gegen 58 weitere Personen laufen Ermittlungsverfahren. Vier Hauptverdächtige wurden am Montagabend verurteilt, vier weitere werden mit internationalen Haftbefehlen gesucht.
Das Wichtigste in Kürze
- Ein Drogenring um ehemalige Polizei-Informanten schmuggelte über 100 kg Kokain nach Österreich.
- Der Straßenverkaufswert der Drogen beläuft sich auf rund 10 Millionen Euro.
- 15 Personen sind in Haft oder bereits verurteilt, gegen 58 weitere wird ermittelt.
- Die Ermittlungen begannen nach einem Anschlag auf ein Auto in Braunau im April 2024.
- Die Gruppe hatte Verbindungen zur organisierten Kriminalität auf dem Westbalkan, darunter dem Škaljari-Clan.
Der Beginn der Ermittlungen in Braunau
Die Ermittlungen nahmen ihren Anfang im April 2024 nach einem Anschlag auf das Fahrzeug eines rumänischen Sportwagenhändlers in Braunau am Inn. Die örtlichen Kriminalbeamten stießen bei der Auswertung von Videoaufnahmen einer Tankstelle auf das Fluchtfahrzeug der Täter – ein äußerst seltenes und teures Mercedes-Modell.
Obwohl das Kennzeichen nicht erkennbar war, führte die Seltenheit des Wagens die Ermittler auf die Spur eines 31-jährigen Syrers kurdischer Abstammung, der in Salzburg lebt. In der Szene war der Mann unter dem Spitznamen „Arafat“ bekannt.
Vom Schutzgeld zum Waffenhandel
Erste Untersuchungen zeigten, dass der 31-Jährige zunächst für kleinere Schutzgelderpressungen verantwortlich war. Doch bald stellte sich heraus, dass gegen ihn bereits mehrere offene Akten existierten. Die Ermittlungen deckten ein weitaus größeres kriminelles Netzwerk auf.
Den Beamten zufolge soll der Mann über Kontakte zu tschetschenisch-stämmigen russischen Staatsbürgern Kriegswaffen wie Kalaschnikows und Handgranaten importiert haben. Diese Waffen wurden teilweise bis in die Schweiz weiterverkauft.
Operation Duplex: Ein Netzwerk mit internen Konflikten
Nach und nach geriet auch ein 37-jähriger Salzburger ins Visier der Behörden, der als Kopf der Organisation gilt. Die Ermittler des Bundeskriminalamts, die ebenfalls Hinweise auf die Gruppe erhalten hatten, starteten gemeinsam mit den Kollegen aus Braunau eine umfassende Überwachung. Die Operation erhielt den Namen „Duplex“, da mehrere Mitglieder der Bande früher als Informanten für die Polizei tätig waren, aber inzwischen gesperrt wurden.
Was bedeutet „Operation Duplex“?
Der Name der Operation leitet sich von der doppelten Rolle einiger Haupttäter ab. Sie waren einerseits als Informanten für die Polizei tätig und versuchten, Ermittlungen zu beeinflussen, während sie andererseits selbst schwere Straftaten organisierten und durchführten.
Die Ermittlungen gestalteten sich schwierig, da die Taten bereits in der Vergangenheit lagen und kaum direkte Beweismittel wie Drogen sichergestellt werden konnten. Die Kriminalisten mussten eine lückenlose Indizienkette aufbauen.
„Im Laufe des Verfahrens haben wir dieser Hydra einen Kopf nach dem anderen abgeschlagen.“
- Ein Ermittler des Bundeskriminalamts
Ein entscheidender Faktor für den Erfolg der Ermittlungen waren die starken internen Konflikte innerhalb der Gruppe. Die Mitglieder misstrauten einander zutiefst. Offenbar gab es Pläne, den 31-jährigen „Arafat“ loszuwerden, wobei sogar überlegt wurde, ihn in Italien zu „entsorgen“. Der 37-jährige Anführer versuchte stattdessen, ihn mithilfe gefälschter Dokumente in Kroatien verurteilen zu lassen, was jedoch nur zu einer kurzen Haftstrafe führte.
Diese internen Streitigkeiten führten dazu, dass viele der Verdächtigen umfassende Geständnisse ablegten. Jeder versuchte, vor seinen Komplizen bei der Polizei auszusagen, um eine geringere Strafe zu erwirken.
Verbindungen zur internationalen organisierten Kriminalität
Die Ermittlungen förderten weitreichende Verbindungen der Salzburger Gruppe zutage. So wurde ein Wiener Szenegastronom überführt, nachdem seine Frau ihn wegen häuslicher Gewalt angezeigt und dabei auch über seine Verstrickung in den Kokainhandel ausgesagt hatte. Ihm konnte der Handel mit rund 16 Kilogramm Kokain nachgewiesen werden, wofür er 2025 zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt wurde.
Zahlen und Fakten zum Fall
- Geschmuggeltes Kokain: Über 100 Kilogramm
- Geschätzter Straßenwert: 10 Millionen Euro
- Verdächtige: 15 in Haft, 58 weitere Ermittlungsverfahren
- Internationale Haftbefehle: 4
- Sicherstellungen: Kokain, Waffen, zwei Luxusfahrzeuge
Besonders brisant sind die aufgedeckten Kontakte zum serbisch-montenegrinischen Škaljari-Clan. Dieser Clan befindet sich seit Jahren in einer blutigen Fehde mit dem rivalisierenden Kavač-Clan, der europaweit rund 80 Morde zugeschrieben werden. Einer dieser Morde war der sogenannte „Figlmüller-Mord“ in Wien im Dezember 2018, bei dem ein Mitglied des Kavač-Clans erschossen wurde.
Dreister Schmuggel und Vertrieb
Die Vorgehensweise der Gruppe beim Schmuggel war auffallend unvorsichtig. Ein Ermittler schilderte, wie das Kokain in Spanien „offen in einen Kofferraum gelegt“ wurde. Von dort aus wurde es über die französische Côte d’Azur nach Österreich transportiert.
In Salzburg und Umgebung wurde das Suchtgift dann in verschiedenen Wohnungen gebunkert und anschließend in ganz Österreich verkauft. Die Festnahmen erfolgten schließlich in Wien, Niederösterreich und Salzburg sowie international in Kroatien, Deutschland (Frankfurt am Main) und sogar in Dubai. Neben Drogen und Waffen wurden auch zwei hochwertige Fahrzeuge sichergestellt.





