In Salzburg bieten zwei Supermärkte täglich eine „Stille Stunde“ an, um Menschen mit Autismus und sensorischer Empfindlichkeit ein stressfreies Einkaufserlebnis zu ermöglichen. Das Projekt, das seit fast eineinhalb Jahren läuft, findet breiten Anklang und soll nun ausgeweitet werden.
Das Wichtigste in Kürze
- Zwei Billa-Filialen in Salzburg-Itzling und Maxglan haben eine tägliche „Stille Stunde“ eingeführt.
- Von 14:00 bis 15:00 Uhr werden Lichter gedimmt und Geräusche wie Musik und Durchsagen abgeschaltet.
- Die Initiative richtet sich an Menschen mit Autismus, hilft aber auch Senioren und Mitarbeitern.
- Der REWE-Konzern plant, das erfolgreiche Konzept auf weitere Filialen in Österreich auszuweiten.
Eine Oase der Ruhe im Einkaufsalltag
Für die meisten Menschen ist der wöchentliche Einkauf eine Routineaufgabe. Für andere kann er jedoch eine enorme Belastung darstellen. Grelles Licht, laute Musik, Werbedurchsagen und das ständige Piepsen an den Kassen erzeugen eine Reizüberflutung, die für Menschen im Autismus-Spektrum oder mit sensorischen Empfindlichkeiten unerträglich sein kann.
Um diesen Menschen den Alltag zu erleichtern, haben zwei Supermärkte in Salzburg eine besondere Initiative ins Leben gerufen. Seit fast eineinhalb Jahren bieten der Billa Plus in Salzburg-Itzling und die Billa-Filiale in der Maxglaner Hauptstraße täglich von 14:00 bis 15:00 Uhr eine sogenannte „Stille Stunde“ an.
Während dieser Zeit wird die Umgebung bewusst reizarm gestaltet:
- Die Beleuchtung wird deutlich gedimmt.
- Auf Hintergrundmusik wird vollständig verzichtet.
- Es gibt keine Werbedurchsagen über die Lautsprecher.
- Auch das Piepsen der Kassen wird auf ein Minimum reduziert.
Diese einfachen Maßnahmen verwandeln den Supermarkt für 60 Minuten in einen Ort der Ruhe und ermöglichen so eine stressfreie Teilnahme am öffentlichen Leben.
Was bedeutet sensorische Überempfindlichkeit?
Menschen im Autismus-Spektrum oder mit sensorischen Verarbeitungsstörungen nehmen Umweltreize wie Licht, Geräusche oder Gerüche oft viel intensiver wahr als andere. Was für die meisten Menschen als normales Hintergrundgeräusch gilt, kann für Betroffene überwältigend und schmerzhaft sein. Dies kann zu Stress, Angstzuständen und dem kompletten Rückzug aus öffentlichen Räumen führen.
Mehr als nur eine Nischenlösung
Ursprünglich wurde die „Stille Stunde“ für Kunden mit Autismus konzipiert. Schnell zeigte sich jedoch, dass die positiven Effekte weit darüber hinausgehen. Auch andere Kundengruppen sowie die Mitarbeiter selbst profitieren von der ruhigen Einkaufsatmosphäre.
Nicole Lengauer, Marktmanagerin einer der teilnehmenden Filialen, berichtet von durchweg positivem Feedback.
„Wir Mitarbeiter genießen die Stille Stunde selbst sehr. Aber auch die älteren Menschen, wie die jüngeren Menschen auch finden das ganze super und sehr angenehm. So eine Stille Stunde ohne Lärm tut uns allen ab und an sehr gut.“
Ihre Beobachtungen bestätigen, dass die Reduzierung von Lärm und Hektik von einer breiten Bevölkerungsschicht als wohltuend empfunden wird. Senioren, Eltern mit kleinen Kindern und Menschen, die einfach nur einen stressigen Tag hatten, schätzen die ruhige Umgebung.
Unterstützung für eine große Gruppe
Die Bedeutung dieser Initiative wird deutlich, wenn man die Zahlen betrachtet. Melanie Lahl, eine Expertin vom Verein „Unsichtbar“, der Betroffene in Salzburg unterstützt, erklärt, dass das Angebot eine wichtige Lücke schließt.
Laut Lahl ermöglicht die Initiative nicht nur Menschen mit Autismus, sondern auch jenen mit sensorischer Überempfindlichkeit, psychischen Belastungen oder Wahrnehmungsstörungen, besser am täglichen Leben teilzunehmen. Es ist ein wichtiger Schritt hin zu einer inklusiveren Gesellschaft, in der die Bedürfnisse aller berücksichtigt werden.
Ein erfolgreiches Konzept mit Zukunft
Die „Stille Stunde“ in Salzburg ist Teil einer größeren Bewegung. Österreichweit haben bereits 45 Filialen des REWE-Konzerns, zu dem Billa gehört, das Konzept umgesetzt. Der Erfolg in den Pilotfilialen hat die Konzernleitung überzeugt.
Aufgrund der positiven Rückmeldungen von Kunden und Mitarbeitern plant Billa, das Angebot weiter auszubauen. Die Initiative zeigt, dass Inklusion im Einzelhandel nicht kompliziert oder teuer sein muss. Oft sind es kleine Veränderungen, die eine große Wirkung erzielen und den Alltag für viele Menschen spürbar verbessern.
Das Projekt ist ein Beispiel dafür, wie Unternehmen mit einfachen Mitteln soziale Verantwortung übernehmen und einen Beitrag zu einer rücksichtsvolleren und barriereärmeren Umwelt leisten können. Die ruhige Stunde im Supermarkt ist mehr als nur eine nette Geste – sie ist ein Zeichen des Respekts und der Anerkennung für die unterschiedlichen Bedürfnisse der Menschen in unserer Gesellschaft.





