Salzburg verzeichnet einen drastischen Rückgang der Geburten, der bereits jetzt spürbare Auswirkungen auf die Gesellschaft hat. Erstmals seit über 100 Jahren sterben im Bundesland mehr Menschen als geboren werden, was Gemeinden und das Sozialsystem vor neue Herausforderungen stellt.
Die Geburtenrate liegt aktuell bei durchschnittlich 1,3 Kindern pro Frau. In den vergangenen drei Jahren kamen jährlich rund 900 Kinder weniger zur Welt als zuvor, eine Entwicklung, die Experten in ihrer Deutlichkeit überrascht.
Das Wichtigste in Kürze
- Im Bundesland Salzburg sterben seit 2023 mehr Menschen als geboren werden – das letzte Mal war dies 1918 der Fall.
- Die Geburtenrate ist auf 1,3 Kinder pro Frau gesunken, was einem jährlichen Rückgang von etwa 900 Neugeborenen entspricht.
- Besonders im Flachgau ist der Kinderrückgang spürbar, was bereits Auswirkungen auf Kindergärten und Krabbelstuben hat.
- Landesstatistiker sehen Parallelen zur Einführung der Pille, können die genauen Ursachen für den aktuellen Trend aber nicht benennen.
Ein demografischer Wandel mit Folgen
Die Zahlen der Landesstatistik zeichnen ein klares Bild: Die Schere zwischen Geburten und Sterbefällen öffnet sich. Während die Zahl der Neugeborenen auf etwa 5.200 pro Jahr gesunken ist, steigt das Durchschnittsalter der Bevölkerung kontinuierlich an. Dies führt zu einer negativen natürlichen Bevölkerungsbilanz.
Landesstatistiker Stefan Senn ordnet die Entwicklung historisch ein. „So eine Entwicklung haben wir erst einmal beobachtet, und zwar damals aufgrund der Pille und der Einführung anderer Verhütungsmittel“, erklärt er. Die aktuelle Situation sei jedoch rätselhafter.
„Dieses Mal haben wir aber keinen eindeutigen Hinweis, was der Auslöser ist.“
Die letzte vergleichbare Statistik stammt aus dem Jahr 1918, als der Erste Weltkrieg und die Spanische Grippe zu extrem hohen Todeszahlen führten. Heute sind die Gründe andere: weniger Geburten bei gleichzeitig steigender Lebenserwartung.
Altersgruppen im Wandel
Der Unterschied zwischen den Altersgruppen wird immer deutlicher. Im Bundesland Salzburg gibt es derzeit über 1.800 Kinder weniger in der Altersgruppe der Null- bis Vierjährigen im Vergleich zu den Fünf- bis Neunjährigen. Dieser Trend wird sich in den kommenden Jahren auf die Volksschulen auswirken.
Flachgau besonders stark betroffen
Während der Trend das gesamte Bundesland erfasst, zeigt er sich im Flachgau besonders ausgeprägt. Hier leben aktuell rund 940 Kinder weniger im Alter von null bis vier Jahren als in der nächstälteren Gruppe. Gemeinden wie Neumarkt und Straßwalchen spüren die Veränderungen bereits direkt in ihren Kinderbetreuungseinrichtungen.
Leere Plätze statt Wartelisten
In Neumarkt am Wallersee ist die Zahl der Kinder unter fünf Jahren spürbar gesunken. Bürgermeister David Egger-Kranzinger (SPÖ) bestätigt den Trend: „Auch wir verzeichnen in der Gemeinde einen Geburtenrückgang. Es ist natürlich schade, dass die neuen Gemeindebürger und -bürgerinnen weniger werden.“
Die geringere Nachfrage macht sich in den Kindergärten bemerkbar. „Es macht sich auch in den Kinderbetreuungseinrichtungen bemerkbar, wo wir dadurch Luft nach oben haben“, so Egger-Kranzinger. Gruppen zusammenzulegen sei derzeit aber noch kein Thema.
Gemeinden reagieren flexibel
Auch in Straßwalchen gibt es weniger Kleinkinder als noch vor einigen Jahren. Bürgermeisterin Tanja Kreer (SPÖ) sieht darin jedoch keinen Grund, das Angebot zu reduzieren. Stattdessen setzt die Gemeinde auf Flexibilität.
„Wir sind eine sehr stark wachsende Gemeinde, das sieht man auch bei der Nachfrage nach Wohnungen“, erklärt Kreer. Man reagiere auf die demografische Verschiebung, indem Gruppen umstrukturiert werden. „Wir reagieren bei der Kinderbetreuung, indem wir Gruppen zu alterserweiterten Gruppen umbauen, um auch jüngere Kinder bereits mit an Bord zu nehmen.“
Herausforderungen für die Zukunft
Der Geburtenrückgang hat weitreichende Konsequenzen. Langfristig bedeutet er weniger Arbeitskräfte, was den Druck auf das Sozial- und Pensionssystem erhöht. Ein Bevölkerungswachstum im Bundesland ist laut Experten nur noch durch Zuzug aus anderen Regionen oder dem Ausland möglich. Eine Geburtenrate von über zwei Kindern pro Frau, die für eine stabile Bevölkerungsentwicklung notwendig wäre, halten Fachleute für unrealistisch.
Auswirkungen auf Arbeitsmarkt und Sozialsystem
Die demografische Verschiebung wird die Gesellschaft in den kommenden Jahrzehnten prägen. Weniger junge Menschen bedeuten einen Mangel an Fachkräften in vielen Branchen. Gleichzeitig muss eine schrumpfende arbeitende Bevölkerung die Versorgung einer wachsenden Zahl von Pensionisten sicherstellen.
Die aktuelle Entwicklung stellt die Politik vor große Aufgaben:
- Sicherung des Pensionssystems: Es müssen neue Modelle gefunden werden, um die Finanzierung langfristig zu gewährleisten.
- Arbeitsmarkt: Strategien zur Anwerbung von Fachkräften aus dem In- und Ausland werden wichtiger.
- Infrastrukturplanung: Einrichtungen wie Schulen und Kindergärten müssen flexibel auf schwankende Kinderzahlen reagieren können.
Die niedrige Geburtenrate ist kein rein salzburgisches Phänomen, sondern Teil eines europaweiten Trends. Die konkreten Auswirkungen sind jedoch regional sehr unterschiedlich und erfordern angepasste politische und gesellschaftliche Antworten.





