Anlässlich des Weltfrauentags rückt eine neue Initiative in der Salzburger Hofstallgasse jene Frauen ins Licht, die das soziale Gewissen der Stadt prägten, aber oft in den Geschichtsbüchern übersehen wurden. Der „Fensterpfad“ erinnert an ihre Taten und macht ihre Geschichten für eine neue Generation sichtbar.
Das Wichtigste in Kürze
- Ein „Fensterpfad“ in der Hofstallgasse in Salzburg stellt vergessene, sozial engagierte Frauen vor.
- Die Initiative wurde im Vorfeld des internationalen Weltfrauentags ins Leben gerufen, um weibliches Wirken zu würdigen.
- Ein zentrales Beispiel ist Schwester Manfreda Grausgruber, bekannt als der „Engel von Salzburg“.
- Das Projekt zielt darauf ab, die oft unsichtbare, aber grundlegende soziale Arbeit von Frauen in der Stadtgeschichte sichtbar zu machen.
Ein Fenster in die Vergangenheit
Wer durch die historische Hofstallgasse schlendert, dem bietet sich seit Kurzem ein neuer Anblick. Anstelle gewöhnlicher Fassaden erzählen nun speziell gestaltete Fenster die Geschichten von Frauen, die das soziale Netz Salzburgs im Stillen knüpften. Dieses Projekt, treffend „Fensterpfad“ genannt, dient als Freiluft-Ausstellung und Denkmal zugleich.
Die Initiative wurde bewusst im Umfeld des Weltfrauentags gestartet, um auf ein historisches Ungleichgewicht aufmerksam zu machen: Während die Namen von Männern oft prominent in Straßen- und Platznamen verewigt sind, bleiben die Leistungen vieler Frauen, die für den gesellschaftlichen Zusammenhalt entscheidend waren, anonym. Der „Fensterpfad“ will diese Lücke schließen.
Mehr als nur Erinnerung
Das Projekt ist nicht nur eine historische Rückschau, sondern auch ein Appell an die Gegenwart. Es soll dazu anregen, über die heutige Anerkennung von sozialem Engagement nachzudenken, das nach wie vor überwiegend von Frauen geleistet wird. Die Organisatoren möchten eine Brücke zwischen der Vergangenheit und aktuellen gesellschaftlichen Debatten schlagen.
Die ausgewählten Frauen stehen stellvertretend für unzählige andere, deren Wirken nie offiziell dokumentiert wurde. Ihre Biografien zeigen Mut, Nächstenliebe und einen unerschütterlichen Willen, die Not ihrer Mitmenschen zu lindern – oft unter schwierigsten Bedingungen.
Der „Engel von Salzburg“ im Fokus
Eine der zentralen Figuren des „Fensterpfads“ ist Schwester Manfreda Grausgruber (1878–1967). Die Kreuzschwester wirkte ab 1920 als „Hausmutter“ im Kolleg St. Benedikt und erlangte durch ihre außergewöhnliche Hilfsbereitschaft den Beinamen „Engel von Salzburg“.
Immer eine offene Tür
Zeitzeugenberichten zufolge ließ Schwester Manfreda ihre Tür sprichwörtlich immer offen. Für Menschen, die anklopften, weil sie hungrig waren, hielt sie stets Brot bereit. Ihre Taten waren ein Symbol der Hoffnung in einer von Armut und Unsicherheit geprägten Zeit.
Ihre Geschichte ist ein eindrucksvolles Beispiel für das stille, aber wirkungsvolle Engagement, das die Ausstellung würdigt. Sie handelte aus einer tiefen Überzeugung heraus, ohne nach Anerkennung zu streben. Genau solche Persönlichkeiten sollen durch den „Fensterpfad“ vor dem Vergessen bewahrt werden.
Das Wirken der Kreuzschwestern
Schwester Manfreda war Teil der Gemeinschaft der Kreuzschwestern, die in Salzburg eine lange Tradition der sozialen Fürsorge haben. Ihr Orden engagierte sich in der Krankenpflege, der Bildung und der Betreuung von Armen und Waisen. Das Wirken dieser Frauen war fundamental für die soziale Infrastruktur der Stadt, lange bevor es staatliche Wohlfahrtssysteme in der heutigen Form gab.
Historischer Kontext: Frauen und soziale Arbeit
Im 19. und frühen 20. Jahrhundert war soziale Arbeit einer der wenigen gesellschaftlichen Bereiche, in denen Frauen öffentlich tätig sein konnten. Oft geschah dies im Rahmen kirchlicher Orden oder bürgerlicher Wohltätigkeitsvereine. Ihre Arbeit war unverzichtbar, wurde aber selten als professionelle Leistung anerkannt und blieb meist unbezahlt.
Ein Beitrag zur Salzburger Stadtgeschichte
Der „Fensterpfad“ ist mehr als eine temporäre Ausstellung. Er ist ein wichtiger Beitrag zur Aufarbeitung der Salzburger Stadtgeschichte, der bewusst eine weibliche Perspektive einnimmt. Er fordert die Besucher auf, die Stadt mit neuen Augen zu sehen und die unsichtbaren Spuren zu entdecken, die Frauen hinterlassen haben.
„Wir müssen die Geschichten der Frauen erzählen, die unsere Gemeinschaft aufgebaut haben. Ihre Namen gehören genauso in unser kollektives Gedächtnis wie die der Fürsterzbischöfe und Künstler“, betont eine an der Konzeption beteiligte Historikerin.
Durch die Platzierung im öffentlichen Raum ist das Projekt niederschwellig und für jeden zugänglich. Es lädt Einheimische wie Touristen gleichermaßen dazu ein, innezuhalten und sich mit einem oft übersehenen Kapitel der Stadtgeschichte auseinanderzusetzen.
Zukünftige Erweiterungen denkbar
Die positive Resonanz auf die Initiative hat bereits Diskussionen über eine mögliche Fortsetzung angestoßen. Es gibt Überlegungen, den „Fensterpfad“ in Zukunft auf weitere Stadtteile auszudehnen oder ihn um zusätzliche Biografien zu ergänzen. Die Liste der Frauen, deren Geschichten es wert sind, erzählt zu werden, ist lang.
- Bildung: Lehrerinnen und Gründerinnen von Mädchenschulen.
- Pflege: Krankenschwestern und Hebammen, die unter einfachsten Bedingungen arbeiteten.
- Widerstand: Frauen, die sich gegen politische Unterdrückung stellten.
- Kunst und Kultur: Künstlerinnen und Mäzeninnen, die im Schatten ihrer männlichen Kollegen standen.
Das Projekt in der Hofstallgasse könnte somit der Anfang einer breiteren Bewegung sein, um die weibliche Geschichte Salzburgs dauerhaft im Stadtbild zu verankern.





