Im Bundesland Salzburg leben hunderte Menschen ohne festen Wohnsitz, viele davon direkt auf der Straße. Eine aktuelle Erhebung zeigt, dass die Zahl der Betroffenen die verfügbaren Notschlafplätze bei weitem übersteigt. Sozialarbeiter schlagen Alarm und weisen auf die prekären Lebensbedingungen und die Lücken im Hilfssystem hin.
Besonders in der kalten Jahreszeit spitzt sich die Lage für obdach- und wohnungslose Menschen dramatisch zu. Doch die Herausforderungen bestehen das ganze Jahr über und betreffen nicht nur die Unterkunft, sondern auch die gesundheitliche und psychische Verfassung der Betroffenen.
Das Wichtigste in Kürze
- Im Bundesland Salzburg gelten laut einer Erhebung von 2024 insgesamt 417 Personen als obdachlos.
- Zusätzlich sind 262 Menschen als wohnungslos registriert, was die Gesamtzahl auf 679 Personen ohne sicheres Zuhause erhöht.
- Diesen Menschen stehen lediglich 140 offizielle Notschlafplätze in der Stadt zur Verfügung.
- Soziale Einrichtungen wie das Haus Elisabeth sind permanent an der Kapazitätsgrenze.
- Streetworker berichten von kritischen Gesundheitszuständen und der Notwendigkeit häufiger Rettungseinsätze.
Die Realität in Zahlen: Ein Mangel an sicheren Plätzen
Die neuesten Zahlen einer Wohnbedarfserhebung aus dem Jahr 2024 zeichnen ein klares Bild der Situation in Salzburg. 417 Menschen sind obdachlos, was bedeutet, dass sie ohne jede Unterkunft auf der Straße oder im Freien leben. Weitere 262 Personen gelten als wohnungslos – sie haben keinen eigenen Mietvertrag und kommen vorübergehend bei Bekannten oder in Notunterkünften unter.
Die verfügbaren Ressourcen können mit diesem Bedarf nicht Schritt halten. Das gesamte Angebot an Notschlafplätzen in der Stadt Salzburg beläuft sich auf nur 140 Betten. Diese verteilen sich auf mehrere Einrichtungen:
- Haus Franziskus: 100 Betten
- Biwak: 20 Betten
- Frauennotschlafstelle im Haus Elisabeth: 10 Betten
- Jugend-Notschlafstelle Exit Nova: 10 Betten
Ein deutliches Ungleichgewicht
Die Diskrepanz ist offensichtlich: Fast 700 Menschen ohne sicheres Zuhause stehen nur 140 Notbetten gegenüber. Das bedeutet, dass für hunderte Menschen jede Nacht die Ungewissheit bleibt, wo sie Schutz finden können.
Der tägliche Überlebenskampf auf der Straße
Für Menschen ohne Obdach ist jeder Tag eine enorme Belastung. Teresa Mayr, die seit 2022 als Streetworkerin für die Caritas in Salzburg arbeitet, kennt die Realität aus nächster Nähe. „Obdachlose sind das ganze Jahr mit prekären Lebensbedingungen konfrontiert, die körperliche sowie psychische Folgen haben“, erklärt sie.
Besonders extreme Wetterbedingungen wie die Minusgrade im Winter stellen eine lebensbedrohliche Gefahr dar. Unterkühlungen und Erfrierungen sind ein ständiges Risiko. Doch auch abseits der Kälte ist die psychische Last enorm. Die ständige Frage nach einem sicheren Schlafplatz, nach Essen oder einer Möglichkeit, sich zu waschen, zermürbt die Betroffenen.
„Es kommt immer wieder vor, dass wir Personen in einem schlechten Gesundheitszustand antreffen und die Rettung rufen müssen.“Teresa Mayr, Streetworkerin der Caritas
Die gesundheitliche Versorgung ist eine der größten Hürden. Viele Menschen auf der Straße leiden unter chronischen Krankheiten, Verletzungen oder psychischen Problemen, die unbehandelt bleiben.
Soziale Einrichtungen am Limit
Die bestehenden Hilfsangebote arbeiten unermüdlich, stoßen aber an ihre Grenzen. Das Tageszentrum im Haus Elisabeth ist eine zentrale Anlaufstelle und wird täglich von 70 bis 80 Personen besucht. Kristina Widerin, Teamleiterin im Haus Elisabeth, bestätigt die hohe Auslastung.
„Auch unsere Notschlafstelle ist immer zu 90 bis 100 Prozent ausgelastet“, sagt Widerin. Sie sieht dringenden Verbesserungsbedarf beim Gesamtangebot für obdachlose Menschen in der Stadt. Ein zentrales Problem sei, dass die bestehenden Strukturen nicht für alle Zielgruppen passten.
Spezielle Bedürfnisse erfordern angepasste Hilfe
Kristina Widerin betont, dass das aktuelle Hilfsangebot „vor allem nicht für alle Personen passt, etwa für jene mit einer psychischen Erkrankung“. Menschen mit schweren psychischen Problemen oder Suchterkrankungen finden in den regulären Notschlafstellen oft nicht den spezialisierten Rahmen, den sie benötigen würden.
Diese Lücke im System führt dazu, dass einige der schutzbedürftigsten Personen durch das Raster fallen und auf der Straße bleiben, obwohl sie dringend Hilfe benötigen würden.
Warum Hilfe manchmal nicht angenommen wird
Ein weiteres komplexes Problem ist, dass manche Betroffene den Weg in Notschlafstellen oder medizinische Einrichtungen meiden. Laut Streetworkerin Teresa Mayr hat dies oft tiefere Gründe. „Betroffene sind noch immer mit Stigmatisierung und Diskriminierung konfrontiert“, erklärt sie. Viele hätten zudem schlechte Erfahrungen im Gesundheitssystem gemacht, was zu einem tiefen Misstrauen führt.
Die Angst vor Verurteilung oder negativen Konsequenzen wie einer unfreiwilligen Einweisung hält viele davon ab, die dringend benötigte Hilfe in Anspruch zu nehmen. Der Aufbau von Vertrauen durch kontinuierliche Streetwork-Arbeit und niederschwellige Angebote wie das Kältetelefon ist daher von entscheidender Bedeutung, um diese Menschen dennoch zu erreichen.
Ein Blick in die Zukunft: Welche Lösungen gibt es?
Dass es auch anders gehen kann, hat ein Projekt während der Corona-Pandemie gezeigt. Mit der Caritas-Initiative „Notwohnen“ konnte die Wohnungslosigkeit in Salzburg für eine Zeit lang beendet werden. Damals wurden Menschen in temporären Unterkünften untergebracht, was laut Kristina Widerin „tolle Erfolge“ erzielte.
Aktuell fehlt für die Wiederaufnahme eines solchen Projekts jedoch ein geeignetes Gebäude. Die Erfahrungen aus der Vergangenheit zeigen aber, dass mit den richtigen politischen und finanziellen Rahmenbedingungen nachhaltige Lösungen möglich sind. Die Forderung nach mehr leistbarem Wohnraum und spezialisierten Betreuungseinrichtungen bleibt daher zentral im Kampf gegen die Obdachlosigkeit in Salzburg.





