Salzburg steht vor einer wachsenden Herausforderung: Der Kokainkonsum hat sich seit 2015 nahezu verdoppelt. Die Droge ist nicht nur billiger und reiner geworden, sondern auch in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Ein kürzlich abgeschlossener Prozess um den Schmuggel von 145 Kilogramm Kokain unterstreicht die Dimension des Problems, das längst kein Randphänomen mehr ist.
Das Wichtigste in Kürze
- Der Kokainkonsum in Salzburg hat sich seit 2015 fast verdoppelt.
- Die Droge ist billiger geworden; der Preis sank von rund 100 Euro auf 60 bis 80 Euro pro Gramm.
- Der Reinheitsgrad des Kokains ist stark gestiegen, was das Abhängigkeitspotenzial erhöht.
- Kokain ist keine reine Partydroge mehr, sondern wird zunehmend als Leistungsdroge in allen Gesellschaftsschichten konsumiert.
- Beratungsstellen verzeichnen einen massiven Anstieg an Hilfesuchenden wegen Kokainabhängigkeit.
Ein Markt im Wandel: Billiger, reiner, gefährlicher
Experten beobachten seit Jahren eine besorgniserregende Entwicklung auf dem Drogenmarkt. Was früher als exklusive Droge der Reichen galt, ist heute für eine breite Masse zugänglich. Laut Hans Wolfgruber, Sprecher der Salzburger Polizei, ist das stark gestiegene Angebot der Hauptgrund für den Preisverfall.
Während ein Gramm Kokain lange Zeit stabil bei 100 Euro lag, wird es heute oft für 60 bis 80 Euro gehandelt. Dieser Preisrückgang macht die Droge für ein breiteres Publikum erschwinglich. Gleichzeitig hat sich die Qualität dramatisch verändert.
Die Gefahr der hohen Reinheit
Dr. Hannes Bacher, ärztlicher Leiter der Suchthilfe Klinik in Salzburg, berichtet von Proben mit einem Reinheitsgrad von bis zu 82 Prozent. Früher lag dieser Wert oft nur zwischen acht und 35 Prozent. „Das Gehirn arbeitet mit sogenannten Neurotransmittern. Das sind Substanzen, die im Körper gebildet werden, die man dazu braucht, um keine Ängste zu entwickeln“, erklärt Bacher die neurologische Wirkung.
Ein höherer Reinheitsgrad bedeutet zwar weniger schädliche Streckmittel, aber auch ein deutlich höheres Risiko für Abhängigkeit und schwere gesundheitliche Folgen. Herzinfarkte, Schlaganfälle und schwere psychische Störungen wie Depressionen und Angstzustände sind mögliche Konsequenzen.
Zahlen und Fakten zum Kokainmarkt
- Preisentwicklung: Von ca. 100 € auf 60-80 € pro Gramm gesunken.
- Reinheitsgrad: Von 8-35 % auf bis zu 82 % gestiegen.
- Sicherstellungen: Die Menge an sichergestelltem Kokain stieg zuletzt um 137 Kilogramm.
- Beratungsgespräche: Fast jedes zweite Drogenberatungsgespräch in Salzburg drehte sich 2024 um Kokain.
Von der Partydroge zum Alltags-Booster
Die Motivation für den Konsum hat sich ebenfalls gewandelt. „Von einer reinen Party- hin zu einer Lifestyle- und Leistungssteigerungsdroge“, beschreibt Polizeisprecher Wolfgruber den Trend. Kokain wird nicht mehr nur am Wochenende zur Unterhaltung konsumiert, sondern auch im Alltag, um Stress zu bewältigen oder die eigene Leistungsfähigkeit zu steigern.
Diese Entwicklung führt dazu, dass die Droge in allen sozialen Schichten und Altersgruppen Fuß fasst. „Das sind lauter Jugendliche oder junge Erwachsene, die in einer Sturm- und Drangphase ihres Lebens sind“, sagt Dr. Bacher. Er betont jedoch, dass es sich längst nicht mehr nur um sozial schwache Personen handelt. Kokain ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen.
Globale Ursachen, lokale Folgen
Gerhard Jäger von der Drogenarbeit Z6 in Innsbruck sieht die Ursache für die Kokainschwemme in Europa in größeren Anbauflächen in Südamerika und effizienteren Produktionsmethoden. Die Drogenkartelle konzentrieren sich zunehmend auf den europäischen Markt, da hier hohe Preise erzielt werden können und eine zahlungskräftige Nachfrage besteht.
Der digitale Drogenhandel floriert
Die Beschaffung von Kokain ist einfacher denn je. Der Handel findet nicht mehr nur im Verborgenen statt, sondern hat sich stark ins Internet verlagert. Laut Gerhard Jäger muss man dafür nicht einmal ins Darknet.
„Es gibt auch im Internet Seiten, wo ich mit Bitcoin bezahlen und mir sämtliche illegale Substanzen bestellen kann. Es gibt über Social Media für jede Substanz mehrere Emojis, da brauche ich schon gar nichts mehr reinschreiben.“
Plattformen wie Snapchat werden genutzt, um den Bedarf zu veröffentlichen und direkt Angebote von Dealern zu erhalten. Die Polizei reagiert darauf mit verstärkten Kontrollen, etwa im Postverteilerzentrum in Wals, wo regelmäßig zwischen 20 und 40 Suchtmittelsendungen pro Kontrolle abgefangen werden.
Hilfsangebote am Limit
Die steigende Nachfrage nach Kokain spiegelt sich direkt in den Zahlen der Beratungsstellen wider. Die Suchthilfe Salzburg ist oft die erste Anlaufstelle für Betroffene. Ursula Pokorny von der Suchthilfe berichtet, dass das Ziel der Beratung darin besteht, Wege in ein Leben ohne Drogen zu finden. Es gehe nicht nur darum, den Konsum zu reduzieren, sondern auch darum, die Funktion der Droge im Leben des Einzelnen zu verstehen und zu ersetzen.
Auch Angehörige leiden stark unter der Sucht eines Familienmitglieds. Peter Zauner aus Werfen hat diese Erfahrung selbst gemacht, als er seinen Sohn durch Drogenkonsum verlor. Er gründete die erste österreichweite Selbsthilfegruppe für Angehörige und organisiert Treffen im Pongau.
Zauner beobachtet, dass der Kokainkonsum auch im ländlichen Raum zunimmt und die Nachfrage nach Unterstützung steigt. Er appelliert an Betroffene und ihre Familien, sich Hilfe zu suchen: „Denn es kostet nichts, tut nicht weh, aber der erste Schritt ist der wichtigste.“





