Salzburg führt als erstes Bundesland Österreichs ein umfassendes Versorgungskonzept für Menschen mit postakuten Infektionssyndromen (PAIS) wie Long Covid und ME/CFS ein. Ab Anfang 2026 soll eine zentrale Anlaufstelle am Tauernklinikum Zell am See die Versorgung von rund 5.000 Betroffenen im Bundesland koordinieren und verbessern.
Das Wichtigste in Kürze
- Salzburg entwickelt ein dreistufiges Versorgungssystem für PAIS-Patienten.
- Eine zentrale Anlaufstelle wird am Tauernklinikum Zell am See eingerichtet.
- Das Projekt startet Anfang 2026 mit einem Budget von 400.000 Euro.
- Hausärzte bleiben die erste Anlaufstelle für die Basisdiagnostik.
Ein Ende des Spießrutenlaufs für Betroffene
Für viele Menschen, die an den Langzeitfolgen einer Infektion leiden, beginnt oft eine lange und frustrierende Suche nach der richtigen medizinischen Hilfe. Die Symptome von Krankheiten wie Long Covid oder Myalgischer Enzephalomyelitis/Chronischem Fatigue-Syndrom (ME/CFS) sind vielfältig und oft schwer zuzuordnen. Dies führt nicht selten zu einem Marathon an Arztbesuchen ohne klare Diagnose oder Therapie.
Salzburg will diesen „Spießrutenlauf“, wie es Gesundheitslandesrätin Daniela Gutschi (ÖVP) nennt, nun beenden. Am Donnerstag wurde ein neues, landesweites Konzept vorgestellt, das Betroffenen einen klaren und strukturierten Weg durch das Gesundheitssystem bieten soll.
„Betroffene haben bis jetzt nicht nur einen langen Leidensweg hinter sich, sondern oft auch einen Spießrutenlauf durchgemacht, bis sie eine Diagnose und eine Form der Therapie bekommen haben“, erklärte Gutschi.
Das Ziel ist es, eine individuelle und auf die sehr unterschiedlichen Symptome zugeschnittene Behandlung zu gewährleisten. Schätzungen zufolge sind in Salzburg rund 5.000 Menschen von PAIS betroffen, in ganz Österreich geht man von bis zu 80.000 Fällen aus.
Der dreistufige Versorgungsplan im Detail
Das neue Modell basiert auf einer dreistufigen Struktur, um Patienten je nach Schweregrad ihrer Erkrankung bestmöglich zu versorgen. Die Umsetzung ist für Anfang 2026 geplant und wird vom Land Salzburg und der Österreichischen Gesundheitskasse (ÖGK) mit 400.000 Euro finanziert.
Stufe 1: Die Basisversorgung beim Hausarzt
Die erste Anlaufstelle für Patienten mit Verdacht auf ein postakutes Infektionssyndrom bleiben die Hausärztinnen und Hausärzte sowie die Primärversorgungszentren. Um die Qualität der Erstdiagnose zu sichern, unterstützt die Ärztekammer das Projekt mit gezielten Schulungsangeboten. So soll sichergestellt werden, dass niedergelassene Ärzte die richtige Basisdiagnostik durchführen und die Weichen für die weitere Behandlung stellen können.
Stufe 2: Die zentrale Anlaufstelle in Zell am See
Für eine weiterführende und spezialisierte Diagnostik wird am Tauernklinikum in Zell am See eine interdisziplinäre Anlaufstelle für das gesamte Bundesland eingerichtet. Geleitet wird diese vom Chefarzt der Inneren Medizin, René Wenzel.
Was ist ME/CFS?
Die Myalgische Enzephalomyelitis/das Chronische Fatigue-Syndrom ist eine schwere, chronische Erkrankung, die oft nach Infektionen auftritt. Hauptmerkmal ist eine extreme Erschöpfung, die sich nach geringster Anstrengung verschlimmert (Post-Exertional Malaise). Weitere Symptome sind Schmerzen, kognitive Störungen und Schlafprobleme. Die Krankheit führt zu erheblichen Einschränkungen im Alltag und bei der Arbeitsfähigkeit.
„ME/CFS ist eine schwere organische Erkrankung, die zu massiver Einschränkung von Arbeitsfähigkeit und Lebensqualität führt“, betonte Wenzel. Sein Team wird sich auf die Abklärung, Beratung und langfristige Begleitung der Betroffenen konzentrieren. Von Zell am See aus können Patienten dann gezielt an Fachärzte im niedergelassenen Bereich oder an Akutkrankenhäuser im Land weiterverwiesen werden.
Stufe 3: Spezialversorgung für schwere Fälle
Für besonders schwere chronische Fälle, bei denen eine ambulante Behandlung nicht ausreicht, ist eine dritte Versorgungsstufe vorgesehen. Diese beinhaltet eine enge Vernetzung mit stationären Einrichtungen in ganz Österreich, um auch diesen Patienten eine adäquate Therapie zu ermöglichen.
Moderne Ansätze und Zukunftsperspektiven
Das Salzburger Modell setzt von Beginn an auf moderne Technologien, um die Versorgung zugänglicher zu machen. Telemedizin wird ein fester Bestandteil des Konzepts sein, um Patienten lange Anfahrtswege zu ersparen und eine kontinuierliche Betreuung zu ermöglichen.
Langfristig ist auch der Aufbau mobiler Teams angedacht. „Denn viele Betroffene können schlichtweg das Bett nicht verlassen“, so Gutschi. Diese Teams könnten schwerstkranke Patienten direkt zu Hause versorgen.
Zahlen und Fakten zum Projekt
- Betroffene in Salzburg: ca. 5.000 Personen
- Betroffene in Österreich: bis zu 80.000 Personen
- Start des Konzepts: Anfang 2026
- Budget für 2026: 400.000 Euro
- Träger: Land Salzburg und ÖGK
Das Projekt wird laufend evaluiert. Die Verantwortlichen sind sich bewusst, dass die Anreise nach Zell am See, insbesondere aus den nördlichen Bezirken wie Flachgau, Tennengau und der Stadt Salzburg, eine Herausforderung darstellt. Fahrzeiten von bis zu zwei Stunden sind hier keine Seltenheit. Sollte sich das Konzept bewähren, könnte in Zukunft eine zweite Anlaufstelle im Norden des Bundeslandes eingerichtet werden, um die Versorgung flächendeckend zu optimieren.





