Vesna Jurić, eine 51-jährige Ärztin aus Salzburg, kann ihr Haus nicht mehr verlassen. Eine Corona-Infektion, die sie sich während ihrer Arbeit im Tauernklinikum im Herbst 2020 zuzog, führte zu einer schweren neuroimmunologischen Erkrankung: Myalgische Enzephalomyelitis, oft als Chronisches Fatigue-Syndrom (ME/CFS) bezeichnet. Ihr Fall wirft ein Schlaglicht auf die Langzeitfolgen von Covid-19 und die dringende Notwendigkeit spezialisierter medizinischer Versorgung.
Einst eine engagierte Medizinerin mit einem aktiven Leben, ist Jurić heute auf einen Rollstuhl und die ständige Hilfe ihrer Angehörigen angewiesen. Ihre Geschichte steht stellvertretend für viele Betroffene und unterstreicht die Forderungen nach mehr Unterstützung und Anerkennung für eine Krankheit, die oft unsichtbar bleibt.
Die wichtigsten Punkte
- Eine Salzburger Ärztin leidet seit einer Covid-19-Infektion im Dienst an der schweren Erkrankung ME/CFS.
- Die 51-Jährige ist heute bettlägerig und auf einen Rollstuhl angewiesen, ihr Leben ist auf ihr Zuhause beschränkt.
- Der Fall verdeutlicht die Herausforderungen bei der Diagnose und Behandlung von Post-Covid-Erkrankungen.
- In Salzburg wird die Einrichtung einer spezialisierten Behandlungsstelle für ME/CFS-Patienten gefordert.
Von der Helferin zur Patientin: Ein Leben verändert sich
Im November 2020, auf dem Höhepunkt der zweiten Corona-Welle in Österreich, arbeitete Dr. Vesna Jurić unermüdlich im Tauernklinikum. Eine Impfung gab es noch nicht, das Risiko war hoch. Genau in dieser Zeit infizierte sie sich mit dem Virus. Der Verlauf schien zunächst mild, doch die Folgen waren verheerend.
Monatelang litt sie unter hartnäckiger Atemnot. Als dieses Symptom langsam abklang, bemerkte sie eine tiefgreifende Erschöpfung und eine drastisch reduzierte Belastbarkeit. „Ich habe versucht, weiterzuarbeiten, bis es einfach nicht mehr ging“, berichtet sie über die Zeit bis Juni 2021. Schließlich zwang sie ihr Zustand in den Krankenstand.
Im Krankenhaus wurde zunächst Long Covid diagnostiziert. Wichtig war für sie die Feststellung, dass ihre Symptome keine psychischen Ursachen hatten – ein Vorurteil, mit dem viele Betroffene kämpfen. Später wurde die Diagnose präzisiert: ME/CFS, eine komplexe und schwer beeinträchtigende Krankheit.
Ein fehlgeschlagener Rehabilitationsversuch
Ein entscheidender Wendepunkt in ihrem Leidensweg war ein Rehabilitationsaufenthalt. In der Hoffnung auf Besserung begab sie sich in eine spezialisierte Einrichtung. Doch das Ergebnis war das Gegenteil von dem, was sie sich erhofft hatte. Die dort angewandten Therapien, die auf eine schrittweise Aktivierung abzielten, verschlimmerten ihren Zustand dramatisch.
„Ich kam gehend in die Reha und bin im Rollstuhl rausgekommen.“
Diese Aussage von Vesna Jurić verdeutlicht eine der größten Gefahren bei der Behandlung von ME/CFS: die sogenannte Post-Exertional Malaise (PEM). Dabei handelt es sich um eine massive Verschlechterung der Symptome nach bereits geringer körperlicher oder geistiger Anstrengung. Für Betroffene wie Jurić bedeutet das, dass gut gemeinte Aktivierungsprogramme schwere und langanhaltende Rückfälle auslösen können.
Was ist ME/CFS?
Myalgische Enzephalomyelitis/Chronisches Fatigue-Syndrom ist eine schwere, chronische neuroimmunologische Erkrankung. Sie betrifft mehrere Körpersysteme, darunter das Nerven-, Immun- und Hormonsystem. Das Hauptmerkmal ist eine lähmende Erschöpfung, die sich durch Ruhe nicht bessert und durch Anstrengung verschlimmert wird (PEM). Weitere Symptome sind Muskelschmerzen, kognitive Störungen („Brain Fog“), Schlafstörungen und eine Überempfindlichkeit gegenüber Licht und Geräuschen.
Ein Leben im Stillstand
Das Leben von Vesna Jurić ist heute auf einen minimalen Radius beschränkt. Sie kann ihr Haus nicht mehr verlassen und ist auf die Pflege durch ihre Familie angewiesen. Reize wie Licht oder Geräusche müssen sorgfältig vermieden werden, da sie ihren Zustand weiter verschlechtern können. „Ich war eine Frau mit vielen Interessen. Jetzt kann ich nur mehr mit Wehmut darauf zurückblicken“, sagt sie.
Ihr Alltag ist geprägt von dem Versuch, ihre extrem begrenzten Energiereserven zu verwalten. Jede kleine Aktivität muss geplant werden, um einen Zusammenbruch zu vermeiden. Dieser Zustand, der als „Pacing“ bezeichnet wird, ist die einzige bekannte Strategie, um eine weitere Verschlechterung zu verhindern. Für eine ehemals aktive Ärztin ist dieser Verlust an Autonomie und Lebensqualität kaum zu ertragen.
ME/CFS in Österreich
- Schätzungen gehen davon aus, dass in Österreich zwischen 25.000 und 80.000 Menschen von ME/CFS betroffen sind.
- Durch die Covid-19-Pandemie wird ein deutlicher Anstieg der Fallzahlen erwartet.
- Rund 25 % der Betroffenen sind so schwer erkrankt, dass sie das Haus nicht mehr verlassen können oder bettlägerig sind.
- Es gibt derzeit keine zugelassene medikamentöse Therapie zur Heilung der Krankheit.
Die politische Dimension: Ruf nach spezialisierter Versorgung
Der Fall von Vesna Jurić hat auch die Politik in Salzburg alarmiert. Die Salzburger Landesregierung hat die Dringlichkeit erkannt und plant die Einrichtung einer spezialisierten Behandlungsstelle für ME/CFS-Patienten. Diese soll eine adäquate Diagnostik und symptomorientierte Therapie sicherstellen, die auf die spezifischen Bedürfnisse der Betroffenen zugeschnitten ist.
Allerdings liegt die Zuständigkeit für die Schaffung solcher Versorgungsstrukturen letztlich beim Bund. Aus Salzburg kommt daher die klare Forderung an die Bundesregierung, schneller zu handeln und die notwendigen Rahmenbedingungen zu schaffen. Es geht darum, eine flächendeckende Versorgung für eine wachsende Patientengruppe zu gewährleisten, die bisher oft durch das Raster des Gesundheitssystems fällt.
Für Vesna Jurić und tausende andere Betroffene in Österreich ist Zeit ein kritischer Faktor. Sie hoffen auf Anerkennung, Forschung und vor allem auf kompetente medizinische Hilfe, die ihnen einen Weg zurück in ein lebenswerteres Leben ebnen kann. Ihr Schicksal ist eine Mahnung, die Langzeitfolgen der Pandemie ernst zu nehmen und die notwendigen Strukturen für die Betroffenen zu schaffen.





