Der renommierte Zeithistoriker Oliver Rathkolb warnt vor einer tiefgreifenden gesellschaftlichen Überforderung. In einem bevorstehenden Vortrag in Salzburg wird er erläutern, warum die rasanten Veränderungen durch Globalisierung und Digitalisierung viele Menschen verunsichern und wie ein moderner „Marshallplan“ für Europa als Gegenmittel dienen könnte.
Ein Zeitalter der Verunsicherung
Unsere Welt verändert sich in einem atemberaubenden Tempo. Die digitale Revolution und eine immer enger vernetzte Weltwirtschaft, oft als „Turboglobalisierung“ bezeichnet, prägen den Alltag. Doch diese Entwicklungen haben auch eine Kehrseite: Viele Menschen fühlen sich überfordert und abgehängt.
Oliver Rathkolb, emeritierter Professor für Zeitgeschichte an der Universität Wien, beschreibt diesen Zustand als Rückkehr des „nervösen Zeitalters“. Dieser Begriff, ursprünglich für die Epoche um 1900 verwendet, beschreibt eine Zeit großer Umbrüche, Ängste und gesellschaftlicher Spannungen. Rathkolb sieht deutliche Parallelen zur heutigen Situation.
Was war das „nervöse Zeitalter“?
Der Begriff beschreibt die Periode von etwa 1880 bis 1914. Es war eine Zeit rasanter Industrialisierung, neuer Technologien wie Telefon und Automobil, aber auch großer sozialer Ungleichheit und politischer Instabilität. Diese Mischung aus Fortschritt und Unsicherheit führte zu weitverbreiteten Ängsten und einem Gefühl der Orientierungslosigkeit in der Gesellschaft.
Die Kluft zwischen Arm und Reich wächst, während globale Konzerne und Finanzmärkte einen immer größeren Einfluss ausüben. Gleichzeitig verändern Algorithmen und künstliche Intelligenz die Arbeitswelt fundamental. „Zu viele Menschen sind total überfordert, weil sich die Welt so schnell verändert“, analysiert Rathkolb die Lage.
Abgehängte Regionen als Nährboden für Autoritarismus
Besonders betroffen von diesem Gefühl des Abgehängtseins sind laut Rathkolb ländliche und strukturschwache Regionen. Während urbane Zentren oft von der Globalisierung profitieren, sehen sich viele Menschen in abgelegenen Gebieten mit schwindender Infrastruktur, fehlenden Arbeitsplätzen und einem Gefühl der Vernachlässigung konfrontiert.
Diese Wahrnehmung, von den Eliten in den Metropolen vergessen worden zu sein, schafft einen gefährlichen Nährboden für politische Radikalisierung. In dieser Atmosphäre der Unsicherheit wächst der Wunsch nach einfachen Antworten und starken Führungspersönlichkeiten.
„Dort wünscht man sich dann autoritäre Führer“, stellt Rathkolb fest. Die Sehnsucht nach einer starken Hand, die verspricht, die Kontrolle zurückzugewinnen und die „alte Ordnung“ wiederherzustellen, wird zu einer attraktiven Alternative zur komplexen und oft als bedrohlich empfundenen Realität.
Dieses Phänomen ist nicht auf Österreich beschränkt, sondern lässt sich in vielen westlichen Demokratien beobachten. Es zeigt, wie eng wirtschaftliche Verwerfungen und politische Stimmungen miteinander verknüpft sind.
Die Folgen der digitalen Spaltung
Die digitale Revolution verschärft diese Spaltung zusätzlich. Wer nicht über die notwendigen digitalen Kompetenzen verfügt oder keinen Zugang zu schnellem Internet hat, wird weiter ins Hintertreffen geraten. Dies betrifft nicht nur den Arbeitsmarkt, sondern auch den Zugang zu Informationen, Bildung und gesellschaftlicher Teilhabe.
- Wirtschaftliche Nachteile: Unternehmen in schlecht angebundenen Regionen haben Wettbewerbsnachteile.
- Soziale Isolation: Ältere Menschen oder Geringqualifizierte fühlen sich von der digitalen Gesellschaft ausgeschlossen.
- Demokratische Gefahr: Mangelnde Medienkompetenz macht Menschen anfälliger für Desinformation und Propaganda in sozialen Medien.
Die Forderung nach einem neuen Marshallplan
Angesichts dieser Herausforderungen plädiert Oliver Rathkolb für eine mutige und umfassende politische Initiative: einen „neuen Marshallplan“ für Europa. Er zieht damit eine Parallele zum historischen Hilfsprogramm der USA, das nach dem Zweiten Weltkrieg den Wiederaufbau Westeuropas ermöglichte.
Der historische Marshallplan
Das „European Recovery Program“ (ERP), bekannt als Marshallplan, wurde 1948 ins Leben gerufen. Die USA stellten über vier Jahre hinweg rund 13 Milliarden US-Dollar (heutiger Wert über 150 Milliarden US-Dollar) zur Verfügung. Das Programm half, die zerstörte Infrastruktur wieder aufzubauen, die Wirtschaft anzukurbeln und die politische Stabilität in Westeuropa zu sichern.
Ein moderner Marshallplan müsste sich jedoch anderen Zielen widmen. Es ginge nicht um den Wiederaufbau nach einem Krieg, sondern um eine sozioökonomische Erneuerung, die die Verlierer der Globalisierung und Digitalisierung in den Mittelpunkt stellt.
Rathkolb schwebt eine Mentalität des gemeinsamen Aufbaus vor. Konkret könnte ein solcher Plan massive Investitionen in folgende Bereiche umfassen:
- Infrastruktur im ländlichen Raum: Gezielter Ausbau von Breitbandinternet, öffentlichem Verkehr und lokaler Daseinsvorsorge.
- Bildung und Weiterbildung: Programme zur Förderung digitaler Kompetenzen für alle Altersgruppen und zur Umschulung für die Arbeitswelt der Zukunft.
- Stärkung regionaler Wirtschaftskreisläufe: Förderung kleiner und mittlerer Unternehmen, um die Abhängigkeit von globalen Lieferketten zu verringern.
- Sozialer Zusammenhalt: Investitionen in kommunale Projekte, Vereine und Kultureinrichtungen, um die Gemeinschaft vor Ort zu stärken.
Ein solches Programm würde nicht nur die wirtschaftliche Kluft verringern, sondern auch ein starkes politisches Signal senden: Niemand wird zurückgelassen. Es wäre eine Investition in die Widerstandsfähigkeit der europäischen Demokratien.
Vortrag in Salzburg
Oliver Rathkolb wird seine Thesen und Lösungsansätze am 21. November im Schloss Leopoldskron in Salzburg detailliert vorstellen. Die Veranstaltung bietet die Gelegenheit, die Diagnosen eines der führenden Zeithistoriker des Landes zu hören und über die Zukunft unserer Gesellschaft zu diskutieren.
Seine Analyse ist ein Weckruf: Wenn es nicht gelingt, die wachsende Spaltung zu überwinden und den Menschen neue Perspektiven zu bieten, droht eine dauerhafte Destabilisierung. Die Rückkehr des „nervösen Zeitalters“ ist keine zwangsläufige Entwicklung, sondern eine Herausforderung, die aktives politisches Handeln erfordert.





