Das Land Salzburg steht vor einer ernsten Herausforderung im Pflegesektor. Eine aktuelle Bedarfsplanung der Landesregierung zeigt, dass die Zahl der pflegebedürftigen Menschen in den nächsten zehn Jahren drastisch ansteigen wird. Gleichzeitig wird ein erheblicher Mangel an qualifiziertem Pflegepersonal prognostiziert, der das bestehende System an seine Grenzen bringen könnte.
Während die Landesregierung in einer Klausur in Anthering über zukünftige Budgets und Strategien berät, rücken die alarmierenden Zahlen in den Fokus. Die Prognosen deuten auf eine Lücke hin, die durch die aktuellen Kapazitäten der Pflegeheime allein nicht geschlossen werden kann.
Die wichtigsten Fakten
- Bis 2035 wird ein Anstieg der pflegebedürftigen Personen in Salzburg um 45 Prozent erwartet.
- Es wird eine Lücke von über 1.500 Pflegekräften bis zum Jahr 2035 prognostiziert.
- Die bestehenden Pflegeheime können den zukünftigen Bedarf nicht decken.
- Etwa 80 Prozent der Pflegebedürftigen werden bereits heute von Angehörigen betreut, Tendenz steigend.
Eine demografische Zeitbombe
Die Zahlen aus der Bedarfsplanung des Landes sprechen eine klare Sprache. Bis zum Jahr 2035 rechnet man mit mehr als 16.500 pflegebedürftigen Menschen im Bundesland. Das stellt einen Zuwachs von fast 45 Prozent im Vergleich zu den Prognosen für 2025 dar. Dieser demografische Wandel stellt das gesamte Pflegesystem vor eine Belastungsprobe.
Die vorhandenen Strukturen sind auf einen derartigen Anstieg nicht vorbereitet. Die Kapazitäten in den stationären Einrichtungen sind bereits heute stark ausgelastet und können die zukünftige Nachfrage kaum bewältigen. Ein Ausbau ist dringend notwendig, doch dieser Prozess ist langwierig und kostenintensiv.
Zahlen im Überblick
- 16.500: Geschätzte Anzahl pflegebedürftiger Personen bis 2035.
- 4.963: Aktuelle Anzahl an Seniorenheimplätzen in Salzburg.
- 5.400: Minimal benötigte Heimplätze, wenn nur Personen ab Pflegestufe 4 aufgenommen werden.
- 45 %: Erwarteter Anstieg des Pflegebedarfs in den nächsten neun Jahren.
Die Grenzen der stationären Pflege
Aktuell gibt es in Salzburg 4.963 Plätze in Seniorenheimen. Die Sozialabteilung des Landes hat berechnet, dass selbst bei einer strikten Begrenzung der Aufnahme auf Personen mit Pflegestufe vier oder höher der Bedarf auf über 5.400 Plätze ansteigen würde. Dies zeigt, dass die Heime allein die Versorgungslücke nicht schließen können.
Der Pflegeexperte Andreas Gruber, ein ehemaliger Seniorenheimleiter, warnt vor den langen Planungs- und Bauzeiten für neue Einrichtungen. Er betont, dass die Weichen für die Zukunft jetzt gestellt werden müssen.
„Der Bau einer stationären Pflegeeinrichtung dauert zwischen fünf und sieben Jahre im Normalfall. Wenn wir in zehn Jahren Pflegeeinrichtungen brauchen, dürfen wir heute bereits mit der Planung beginnen.“
Diese Aussage verdeutlicht die Dringlichkeit, mit der die Politik handeln muss. Verzögerungen in der Planung heute bedeuten Engpässe in der Versorgung morgen.
Der wachsende Personalmangel
Noch kritischer als die fehlenden Plätze ist der Mangel an Fachkräften. Ohne genügend qualifiziertes Personal bleiben selbst neu geschaffene Heimplätze leer. Die Pflegepersonalprognose des Landes zeichnet ein düsteres Bild für die kommenden Jahre.
Bis 2035 werden voraussichtlich 6.790 Pflegekräfte im Bundesland benötigt. Im selben Zeitraum werden jedoch nur rund 5.250 Absolventinnen und Absolventen von den Ausbildungseinrichtungen erwartet. Daraus ergibt sich eine alarmierende Lücke von 1.540 Fachkräften.
Die Säule der häuslichen Pflege
Schon heute wird ein Großteil der Pflegearbeit von der Familie geleistet. Rund 80 Prozent der pflegebedürftigen Menschen in Österreich werden zu Hause von Angehörigen betreut. Diese oft unbezahlte und emotional fordernde Arbeit ist das Fundament des Pflegesystems. Angesichts des drohenden Kollapses der professionellen Pflege wird die Unterstützung dieser pflegenden Angehörigen immer wichtiger.
Alternative Lösungsansätze sind gefragt
Da der Ausbau von Pflegeheimen allein nicht ausreicht, müssen alternative Modelle stärker in den Fokus rücken. Experten wie Andreas Gruber fordern eine Stärkung der mobilen Dienste und des betreuten Wohnens. Zudem muss die Effizienz im bestehenden System gesteigert werden.
Ein zentraler Punkt ist die Unterstützung pflegender Angehöriger. Sie sind die größte und wichtigste Gruppe im Pflegesystem. Maßnahmen wie finanzielle Entlastung, bessere Beratung und flexible Betreuungsangebote sind entscheidend, um ihre Belastung zu reduzieren und die Pflege zu Hause langfristig zu sichern.
Politik unter Handlungsdruck
Die Landesregierung steht vor der Aufgabe, eine umfassende Strategie zu entwickeln. Die aktuellen Beratungen in Anthering sind ein erster Schritt, doch konkrete Maßnahmen müssen folgen. Aus dem Büro von Soziallandesrat Wolfgang Fürweger (FPÖ) wurde das vorliegende Papier als eines von vielen Arbeitspapieren bezeichnet, das man vorerst nicht weiter kommentieren wolle.
Die Herausforderungen sind vielfältig und erfordern ein Bündel an Maßnahmen:
- Ausbildungsoffensive: Die Attraktivität des Pflegeberufs muss gesteigert werden, um mehr junge Menschen für eine Ausbildung zu gewinnen. Dazu gehören bessere Arbeitsbedingungen, faire Bezahlung und klare Karriereperspektiven.
- Ausbau alternativer Wohnformen: Investitionen in betreutes Wohnen und Tageszentren können den Druck von den Pflegeheimen nehmen und den Menschen ermöglichen, länger in ihrer gewohnten Umgebung zu bleiben.
- Stärkung der mobilen Dienste: Mobile Pflegeteams müssen ausgebaut und flexibler gestaltet werden, um die Versorgung zu Hause zu gewährleisten.
- Unterstützung für Angehörige: Ein umfassendes Paket aus finanzieller Hilfe, Beratungsangeboten und Entlastungsdiensten ist unerlässlich.
Die kommenden Jahre werden entscheidend dafür sein, ob Salzburg die Weichen für ein zukunftsfähiges und menschenwürdiges Pflegesystem stellen kann. Die Zeit drängt, denn die demografische Entwicklung wartet nicht.





