In Salzburg entbrennt erneut eine Diskussion um das Sgraffito „Aussaat und Ernte“ am Waagplatz 1. Das Kunstwerk stammt von Karl Reisenbichler, einem Künstler, der bereits 1933 der damals illegalen NSDAP beigetreten war. Die Kommunistische Partei Österreichs (KPÖ) fordert eine Erklärungstafel, um die historischen Zusammenhänge und die schwierige Biografie des Künstlers einzuordnen.
Wichtige Punkte
- KPÖ fordert Erklärungstafel für Sgraffito „Aussaat und Ernte“ von Karl Reisenbichler.
- Künstler Karl Reisenbichler war Mitglied der illegalen NSDAP.
- Historiker Robert Obermair sieht klare NS-Thematik im Werk.
- Bürgermeister Auinger wartet auf Gutachten der Historiker.
Das umstrittene Sgraffito und sein Schöpfer
Das Sgraffito „Aussaat und Ernte“ ziert die Fassade des Hauses Waagplatz 1 in der Salzburger Altstadt. Es wurde Ende der 1920er Jahre von Karl Reisenbichler gestaltet. Ein Sgraffito ist eine spezielle Wandgestaltungstechnik. Dabei werden mehrere Putzschichten in verschiedenen Farben übereinander aufgetragen. Durch das anschließende Auskratzen oder Abschaben der oberen Schichten werden Muster, Ornamente oder Bilder sichtbar.
Reisenbichler, geboren 1891 und verstorben 1962, war nicht nur Künstler, sondern auch politisch aktiv. Er trat bereits im Jahr 1933 der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) bei, die zu diesem Zeitpunkt in Österreich verboten war. Diese frühe Mitgliedschaft wirft einen langen Schatten auf sein künstlerisches Erbe.
Faktencheck
- Künstler: Karl Reisenbichler (1891-1962)
- Werk: Sgraffito „Aussaat und Ernte“
- Standort: Waagplatz 1, Salzburger Altstadt
- Politische Zugehörigkeit: Beitritt zur illegalen NSDAP 1933
Forderung nach historischer Einordnung
Die KPÖ hat bereits vor drei Jahren eine Erklärungstafel für das Sgraffito beantragt. Nun erneuert die Partei ihre Forderung nach einer kritischen Kontextualisierung. Cornelia Plank, Klubvorsitzende der KPÖ im Gemeinderat, betont die Notwendigkeit einer solchen Tafel.
„Bei einem Werk dieser Größe und Sichtbarkeit mitten in der Altstadt braucht es eine Erklärung, die historische Zusammenhänge darstellt und die schwierige Biografie des Künstlers einordnet. Es braucht eine Erläuterungstafel wie bei den Thorak-Statuen im Kurgarten.“
Die Thorak-Statuen im Kurgarten, ebenfalls Werke eines NS-belasteten Künstlers, sind bereits mit erklärenden Tafeln versehen. Dies dient als Präzedenzfall für die aktuelle Forderung.
Reisenbichlers Karriere in der NS-Zeit
Karl Reisenbichler erlebte während der nationalsozialistischen Herrschaft eine erfolgreiche Karriere. Er wurde vom Staat gefördert und seine Kunstwerke waren gefragt. Seine Motive umfassten hauptsächlich Heimatdarstellungen, Landschaften und bäuerliche Szenen. Offizielle Stellen, wie die Gauleitung Salzburg oder das Reichsministerium für Wissenschaft und Erziehung, kauften seine Arbeiten an.
Ab 1938 passte sich Reisenbichler künstlerisch stark der sogenannten „Heimatkunst“ an. In dieser Zeit schuf er Werke wie „BDM-Mädchen“ oder „Trommler der HJ“, die eine klare ideologische Ausrichtung erkennen lassen. Im Salzburger Kunstleben war er eine einflussreiche Persönlichkeit.
Hintergrund: Die Reichskammer der bildenden Künste
Die Reichskammer der bildenden Künste war eine Unterorganisation der Reichskulturkammer im nationalsozialistischen Deutschland. Sie diente der Gleichschaltung und Kontrolle der bildenden Künstler. Eine Mitgliedschaft war für die Ausübung des Berufs oft unerlässlich.
Im Jahr 1940 wurde Reisenbichler zum Landesleiter der Reichskammer der bildenden Künste im Gau Salzburg ernannt. 1944 war er als Zeichner im Stadtbauamt beschäftigt und leistete einen Eid auf Adolf Hitler. Diese Funktionen zeigen seine tiefe Verstrickung in das NS-System.
Nach Kriegsende und Entnazifizierung
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde Karl Reisenbichler als politisch belastet eingestuft. Er wurde aus dem Künstlerhaus ausgeschlossen und musste sich 1946 im Zuge der Entnazifizierung registrieren lassen. In seinen Erklärungen versuchte er, seine Parteimitgliedschaft und seine Funktionen herunterzuspielen. Trotzdem wurde er 1947 als „minderbelastet“ eingestuft.
Ab 1950 lebte Reisenbichler in Großgmain. Dort führte er noch einige Auftragsarbeiten aus, darunter das Sgraffito „Das Bauernjahr“. Trotz seiner Nähe zum NS-Regime ehrte ihn die Stadt Salzburg 1965 posthum mit einer Straßenbenennung in Aigen. Dies zeigt die lange und oft unkritische Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit in der Nachkriegszeit.
Die Sicht der Historiker
Die KPÖ erhält Unterstützung von Seiten der Wissenschaft. Ein Gutachten des Historikers Robert Obermair von der Universität Salzburg bekräftigt die Notwendigkeit einer Einordnung. Obermair sieht im Sgraffito „Aussaat und Ernte“ eine klare Umsetzung des NS-Themas „Blut und Erde“.
„Reisenbichler hat das NS-Thema Blut und Erde in diesem Gemälde klar umgesetzt und damit seine Verbundenheit zum Nationalsozialismus gezeigt.“
Der Historiker kann sich auch eine künstlerische Auseinandersetzung mit dem Thema vorstellen. Dies würde eine zusätzliche Ebene der Reflexion und des Diskurses ermöglichen.
Die Rolle des Bürgermeisters
Die Angelegenheit liegt nun bei den Historikerinnen und Historikern des Hauses der Stadtgeschichte. Bürgermeister Bernhard Auinger (SPÖ) betont, dass er den Bericht der Experten abwarten möchte, bevor weitere Schritte eingeleitet werden. Er möchte vorab keinen eigenen Kommentar zur Causa abgeben, da er sich mit dem Thema bisher nicht intensiv befasst habe.
Die Entscheidung über die Anbringung einer Erklärungstafel am Waagplatz wird somit vom Ergebnis des historischen Gutachtens abhängen. Die Debatte verdeutlicht die anhaltende Herausforderung, mit Kunstwerken aus der NS-Zeit im öffentlichen Raum umzugehen und eine angemessene historische Kontextualisierung sicherzustellen.





