Entgegen der öffentlichen Wahrnehmung bleibt die Jugendkriminalität in den letzten zehn Jahren stabil. Ein Salzburger Jugendrichter gibt Einblicke in seine Arbeit und erklärt, warum die meisten Jugendlichen nach einer Verurteilung den Weg zurück in die Gesellschaft finden. Der Schlüssel liege in Respekt und Konsequenz.
Das Wichtigste in Kürze
- Die Jugendkriminalität ist in den letzten zehn Jahren nicht gestiegen; die Zahl der Verurteilungen ist sogar gesunken.
- Statistiken zeigen, dass 70 Prozent der verurteilten Jugendlichen innerhalb von vier Jahren nicht erneut straffällig werden.
- Jugendrichter Thomas Tovilo-Moik betont, dass Respekt und Konsequenz entscheidend für die erfolgreiche Resozialisierung sind.
- Prävention und familiärer Halt sind laut dem Richter wichtiger als die spätere Intervention der Justiz.
Ein Blick hinter die Schlagzeilen der Jugendkriminalität
Die öffentliche Diskussion über Jugendkriminalität wird oft von alarmierenden Schlagzeilen dominiert. Doch die Zahlen zeichnen ein anderes Bild. Thomas Tovilo-Moik, seit 2018 Jugendrichter am Landesgericht Salzburg, stellt klar, dass die Kriminalitätsrate unter Jugendlichen in den vergangenen zehn Jahren weitgehend gleichgeblieben ist. „Die Anzahl der verurteilten Jugendlichen ist sogar gesunken“, erklärt er.
Für Tovilo-Moik gehört das Austesten von Grenzen zum Erwachsenwerden dazu. „Jugendlichkeit ist eine vulnerable Zeit, und die Jugend wird immer eine Herausforderung sein. Für die Justiz, für die Gesellschaft, für alle“, sagt er. Er kritisiert jedoch die Zuspitzung in der Berichterstattung, die oft nur ein unvollständiges Bild der Realität zeichnet.
Statistik widerlegt Sorgen
Obwohl oft vom „Sorgenkind Jugendkriminalität“ die Rede ist, belegen die Daten eine stabile Lage. Die Fokussierung auf Einzelfälle verzerrt die Wahrnehmung, während die große Mehrheit der Jugendlichen nicht straffällig wird.
Der Weg zur Umkehr: Mehr als nur ein Urteil
Wenn ein junger Mensch vor Gericht steht, beginnt für Tovilo-Moik die eigentliche Arbeit. Sein Ziel ist es, eine nachhaltige Veränderung im Leben des Jugendlichen zu bewirken – eine „Umkehr“. Und die Erfolgsquote ist überraschend hoch.
„Im Beobachtungszeitraum von vier Jahren gab es eine Rückfallsrate von 30 Prozent. Das heißt also, dass 70 Prozent der verurteilten Straftäter nicht rückfällig wurden.“
Diese 70 Prozent sind für ihn die eigentlichen Erfolgsgeschichten, die in der Öffentlichkeit kaum Beachtung finden. „Das sind jene Fälle, die oft unter den Tisch fallen, weil man oft nur jene Jugendlichen wahrnimmt, die rückfällig geworden sind und wieder vor einem sitzen“, so Tovilo-Moik.
Ein Fächer an Möglichkeiten
Damit eine solche Umkehr gelingt, braucht es mehr als nur ein Urteil. Ein breites Spektrum an Maßnahmen steht zur Verfügung, um den Jugendlichen im Alltag zu unterstützen. Dazu gehören:
- Bewährungshilfe zur engmaschigen Begleitung
- Anti-Gewalt-Trainings zur Konfliktbewältigung
- Sucht-Therapien bei Drogen- oder Alkoholproblemen
- Auflagen wie Schuldenabbau oder der Abschluss einer Ausbildung
Entscheidend ist das Zusammenspiel mehrerer Faktoren. „Wir müssen alle Register ziehen, die eine Umkehr im Alltag auch ermöglichen“, betont der Richter. Ein nachvollziehbares Urteil, die Einsicht des Jugendlichen und die Motivation, das eigene Leben zu ändern, sind die Grundvoraussetzungen für einen Neuanfang.
Respekt als harte Währung im Gerichtssaal
Thomas Tovilo-Moik legt großen Wert auf die Atmosphäre während einer Verhandlung. Die Gestaltung des Gerichtssaals, das Licht und die Anordnung der Einrichtung spielen für ihn eine Rolle, da sie die psychologische Verfassung des Angeklagten beeinflussen. Sein zentraler Wert ist jedoch der gegenseitige Respekt.
„Ich nehme eine Erosion des Respekts in der Gesellschaft wahr. Aber für mich ist Respekt im Gerichtssaal eine sehr harte Währung“, erklärt er. „Wenn ich Angeklagte mit Respekt behandle, ihnen zuhöre, dann steigt auch die Akzeptanz des Urteils und die Motivation, die Weisungen, die ich verhänge, zu befolgen.“
Konsequent statt streng
Auf die Frage, ob er sich als strengen Richter bezeichnen würde, antwortet Tovilo-Moik: „Ich würde mich als konsequent bezeichnen.“ Oft sei es gerade die fehlende Konsequenz im bisherigen Leben der Jugendlichen, die sie überhaupt erst vor Gericht gebracht habe. Diese klare Haltung, gepaart mit einem respektvollen Umgang, bildet die Basis seiner richterlichen Arbeit.
Seine Herangehensweise überrascht manchmal sogar junge Zuhörer. „Ich habe oft Schulklassen im Saal. Und nach Verhandlungen werde ich von Schülerinnen und Schülern oft gefragt, warum ich denn so freundlich mit den Angeklagten umgehen würde“, berichtet er schmunzelnd.
Die Verantwortung der Gesellschaft
Obwohl die Justiz wichtige Werkzeuge zur Resozialisierung bietet, sieht der Jugendrichter den Ursprung des Problems an anderer Stelle. Die Umkehr müsse viel früher beginnen, lange bevor ein Jugendlicher vor Gericht landet.
„Es müsste beim Fundament beginnen und nicht erst, wenn das Haus wackelt und wir, also die Justiz, stützend eingreifen müssen. Die Erwachsenen müssten mehr Zeit und Zuwendung in ihre Kinder investieren.“
Diese Aussage unterstreicht die Bedeutung eines stabilen sozialen Umfelds, von elterlicher Fürsorge und gesellschaftlichem Zusammenhalt. Wenn diese Grundlagen fehlen, steigt das Risiko, dass junge Menschen straffällig werden. Die Justiz kann dann nur noch reparieren, was an anderer Stelle versäumt wurde.
Letztlich sei es eine Frage der gesamtgesellschaftlichen Haltung. Tovilo-Moik schließt mit einer eindringlichen Warnung, die zum Nachdenken anregt: „Denn wenn uns alles wurscht ist, zerbröselt alles.“





