Nach der ersten Umbenennung einer als historisch belastet eingestuften Straße in Salzburg rückt nun die Josef-Thorak-Straße in den Fokus der politischen Debatte. Die Bürgerliste fordert eine rasche Umbenennung der im Stadtteil Aigen gelegenen Straße, die nach dem von den Nationalsozialisten hochgeschätzten Bildhauer benannt ist.
Das Wichtigste in Kürze
- Die Bürgerliste fordert die Umbenennung der Josef-Thorak-Straße in Salzburg-Aigen.
- Josef Thorak galt als einer der prominentesten Künstler des NS-Regimes und wurde als „Lieblingsbildhauer des Führers“ bezeichnet.
- Die Forderung folgt auf die kürzlich erfolgte Umbenennung der Heinrich-Damisch-Straße in Helene-Thimig-Straße.
- Ein Fachbeirat hatte bereits 2021 empfohlen, 13 NS-belastete Straßennamen in der Stadt zu ändern.
Erste Umbenennung als Auftakt
Die Diskussion um die Aufarbeitung von Straßennamen mit nationalsozialistischem Hintergrund hat in der Stadt Salzburg neue Fahrt aufgenommen. Auslöser ist die im Frühjahr vollzogene Umbenennung der Heinrich-Damisch-Straße in Parsch. Sie trägt nun den Namen der Schauspielerin und Regisseurin Helene Thimig.
Dieser Schritt war der erste sichtbare Erfolg einer langen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Bereits im Jahr 2021 hatte ein eigens eingerichteter Fachbeirat eine Liste von insgesamt 13 Straßennamen vorgelegt, deren Namensgeber aufgrund ihrer Nähe zum NS-Regime als problematisch eingestuft wurden. Die Umbenennung der Heinrich-Damisch-Straße wurde als Pilotprojekt gesehen, dessen Evaluierung nun die Grundlage für weitere Maßnahmen bilden soll.
Der Fachbeirat und seine Empfehlungen
Im Jahr 2021 analysierte eine Expertenkommission die Biografien von Personen, nach denen Straßen in Salzburg benannt sind. Das Ergebnis war eine Liste von 13 Namen, die als historisch stark belastet gelten und für eine Umbenennung empfohlen wurden. Ziel ist es, Persönlichkeiten, die aktiv das NS-Regime unterstützten, nicht länger im öffentlichen Raum zu ehren.
Fokus auf Josef Thorak
Nachdem der erste Name aus dem Stadtbild verschwunden ist, richtet sich der politische Druck nun auf eine weitere prominente Adresse: die Josef-Thorak-Straße in Aigen. Die Bürgerliste, vertreten durch ihre Klubobfrau Ingeborg Haller, fordert, hier konsequent den nächsten Schritt zu setzen.
„Die Umbenennung der nun ehemaligen Heinrich-Damisch-Straße in Helene-Thimig-Straße war längst überfällig, und sie kann nur der erste Schritt gewesen sein. Weitere Umbenennungen von NS-belasteten Straßen müssen jetzt rasch folgen – und da denke ich ganz konkret an den ‚Lieblingsbildhauer des Führers‘, an Josef Thorak.“
Mit dieser klaren Ansage wird die Debatte auf eine Person gelenkt, deren Rolle im Dritten Reich unbestritten ist. Josef Thorak (1889–1952) war einer der offiziellen und meistbeschäftigten Bildhauer des Nationalsozialismus. Seine monumentalen Skulpturen entsprachen der NS-Ästhetik und wurden für propagandistische Zwecke eingesetzt.
Ein Künstler im Dienst der Diktatur
Thorak erhielt zahlreiche Staatsaufträge und war an der künstlerischen Ausgestaltung von Prestigeprojekten des Regimes beteiligt, darunter das Nürnberger Reichsparteitagsgelände und die Neue Reichskanzlei in Berlin. Seine Nähe zur NS-Führung und seine herausgehobene Stellung im Kunstbetrieb der Diktatur machen die nach ihm benannte Straße zu einem besonders kontroversen Fall.
Die Bezeichnung als „Lieblingsbildhauer des Führers“ unterstreicht seine Bedeutung für die nationalsozialistische Kulturpolitik. Kritiker argumentieren, dass eine solche Ehrung im öffentlichen Raum mit den Werten einer demokratischen Gesellschaft nicht vereinbar ist.
Wer war Josef Thorak?
- Geboren: 1889 in Salzburg
- Gestorben: 1952 in Hartmannsberg, Bayern
- Bekannt für: Monumentale, heroische Skulpturen im Stil der NS-Kunst.
- Rolle im NS-Regime: Einer der vier „gottbegnadeten“ Bildhauer, die von Hitler persönlich protegiert wurden. Er schuf zahlreiche Werke für staatliche und parteipolitische Bauten.
Die Herausforderungen der Aufarbeitung
Die Umbenennung von Straßen ist oft ein langwieriger und komplexer Prozess. Neben politischen Debatten müssen auch die praktischen Konsequenzen für Anwohner und Unternehmen berücksichtigt werden. Adressänderungen in Dokumenten, auf Visitenkarten und in Datenbanken verursachen Aufwand und Kosten.
Trotz dieser Hürden betonen Befürworter der Umbenennungen die Wichtigkeit der historischen Verantwortung. Es gehe darum, ein klares Zeichen zu setzen und die Erinnerungskultur aktiv zu gestalten. Die Namen im öffentlichen Raum spiegeln wider, welche Persönlichkeiten eine Gesellschaft ehren möchte – und welche nicht.
Die Stadtpolitik steht nun vor der Aufgabe, den Empfehlungen des Fachbeirats weiter nachzukommen. Die Debatte um die Josef-Thorak-Straße wird zeigen, wie schnell und entschlossen Salzburg bereit ist, die verbleibenden „heißen Eisen“ anzufassen und die Aufarbeitung seiner Geschichte im Stadtbild fortzusetzen.





