Im Bundesland Salzburg wurden im vergangenen Jahr fast 400.000 saubere Spritzensets kostenlos an drogenabhängige Menschen ausgegeben. Diese hohe Zahl, die aus dem aktuellen Suchtbericht des Landes hervorgeht, überrascht selbst die Verantwortlichen der Suchthilfe und deutet auf eine beträchtliche Dunkelziffer im Drogenkonsum hin.
Das Spritzentauschprogramm ist eine zentrale Maßnahme zur Schadensminimierung und dient als wichtiger erster Kontaktpunkt, um suchtkranke Menschen zu erreichen, die sonst durch das Hilfesystem fallen würden.
Das Wichtigste in Kürze
- Im Jahr 2023 wurden in Salzburg 387.032 saubere Spritzensets an Drogenabhängige verteilt.
- Die Ausgabe erfolgt hauptsächlich über den mobilen Beratungsbus „Basecamp Mobil“.
- Das Programm dient der Prävention von Krankheiten wie HIV oder Hepatitis und dem Aufbau von Vertrauen.
- Experten sehen die hohe Zahl als Indiz für eine große, nicht erfasste Drogenszene im Bundesland.
Ein mobiler Ankerpunkt in der Drogenszene
Eine zentrale Rolle bei der Verteilung der Spritzensets spielt der Suchtberatungsbus „Basecamp Mobil“. Seit vier Jahren fährt dieses niedrigschwellige Angebot gezielt Orte in der Stadt Salzburg sowie im Pinzgau, Pongau und Tennengau an, um direkt vor Ort Hilfe zu leisten.
Das Angebot ist anonym und vertraulich. Neben dem Tausch von benutzten Spritzen gegen sterile Sets erhalten Betroffene hier auch Beratung und Unterstützung. Ziel ist es, den Menschen auf Augenhöhe zu begegnen und eine Vertrauensbasis zu schaffen, die oft der erste Schritt in Richtung einer Therapie ist.
Mehr als nur ein Tauschgeschäft
Gottfried Jakober, der Leiter der Suchthilfe Salzburg, betont die Bedeutung dieses Kontakts. „Der Spritzentausch ist ein entscheidender Weg, um mit Suchtkranken in Kontakt zu kommen“, erklärt er. Viele Betroffene meiden aus Scham oder Angst traditionelle Hilfseinrichtungen.
„Sie finden dann in uns vertrauenswürdige Ansprechpartner. Das dauert oft einige Zeit, aber das ist die Voraussetzung dafür, dass diese Personen beginnen, eine Therapie in Anspruch zu nehmen.“
Der Bus fungiert somit als Brücke zwischen der Straße und dem professionellen Hilfesystem. Er bietet Sicherheit, Hygiene und ein offenes Ohr ohne Vorurteile.
Was ist Schadensminimierung?
Schadensminimierung (Harm Reduction) ist ein Ansatz in der Drogenpolitik, der nicht primär die Abstinenz zum Ziel hat, sondern die negativen gesundheitlichen und sozialen Folgen des Drogenkonsums verringern will. Die Abgabe von sauberen Spritzen ist eine klassische Maßnahme, um die Übertragung von Infektionskrankheiten wie HIV und Hepatitis C zu verhindern.
Die Zahlen im Detail
Der aktuelle Suchtbericht des Landes zeigt eine deutliche Entwicklung bei der Ausgabe von Spritzensets. Während im Jahr 2022 noch 165.148 Spritzen abgegeben wurden, stieg die Zahl für das Jahr 2023 auf 387.032 an. Dieser enorme Anstieg verdeutlicht den hohen Bedarf.
Im letzten Berichtsjahr sank die Zahl leicht auf 339.056. Dieser Rückgang wird im Bericht jedoch nicht auf einen gesunkenen Bedarf zurückgeführt, sondern auf einen Personalwechsel beim Betreuungsteam des Busses. Eine neue Vertrauensbasis mit den Klienten musste erst wieder aufgebaut werden, was die temporär niedrigere Ausgabemenge erklärt.
Entwicklung der Spritzenabgabe
- 2022: 165.148 Sets
- 2023: 387.032 Sets
- Vorjahr: 339.056 Sets (Rückgang durch Personalwechsel)
Ein Indikator für eine große Dunkelziffer
Für Gottfried Jakober ist die konstant hohe Nachfrage ein klares Zeichen. „Dass der Bedarf so hoch ist, war nicht bekannt. Aber es zeigt eben, dass auch in Salzburg ein Drogenproblem vorhanden ist“, so der Leiter der Suchthilfe. Die Zahlen legen nahe, dass die Zahl der Menschen, die illegale Drogen wie Heroin intravenös konsumieren, deutlich höher ist als bisher angenommen.
Derzeit befinden sich im Bundesland Salzburg rund 600 Personen in einer Drogenersatztherapie. Diese Zahl ist seit Jahren relativ stabil. Die fast 400.000 ausgegebenen Spritzen deuten jedoch darauf hin, dass es eine weitaus größere Gruppe von Konsumenten gibt, die vom offiziellen Hilfssystem noch nicht erfasst wird.
Der lange Weg zur Therapie
Der Aufbau von Vertrauen ist ein langsamer Prozess. Die Mitarbeiter des „Basecamp Mobil“ investieren viel Zeit, um Beziehungen zu den Betroffenen aufzubauen. Oft dauert es Monate oder sogar Jahre, bis jemand bereit ist, über eine Therapie nachzudenken.
Das Spritzentauschprogramm ist dabei mehr als nur eine präventive Gesundheitsmaßnahme. Es ist ein Akt der Anerkennung, der den Betroffenen signalisiert: Du wirst gesehen und deine Gesundheit ist uns wichtig, unabhängig von deinem Konsum.
Diese Haltung ist entscheidend, um die Stigmatisierung zu durchbrechen und den Weg für weiterführende Hilfsangebote zu ebnen. Jede ausgetauschte Spritze ist somit nicht nur eine verhinderte Infektion, sondern auch eine Chance auf einen Dialog und einen möglichen Ausweg aus der Sucht.
Die Arbeit der Suchthilfe Salzburg zeigt, dass pragmatische und niedrigschwellige Angebote unerlässlich sind, um die verborgenen Ecken der Gesellschaft zu erreichen und Menschen eine Perspektive zu bieten, die sie ansonsten vielleicht nie erhalten würden.





