Ein neues Raumentwicklungskonzept für die Stadt Salzburg entfacht eine heftige politische Debatte. Die rot-rot-grüne Stadtregierung plant, zur Schaffung von Wohnraum auch bisher unberührte Grünflächen zu nutzen. Dagegen formiert sich massiver Widerstand von der ÖVP, die eine Bebauung bereits versiegelter Flächen fordert und vor dem Verlust wertvoller Naturräume warnt.
Das Wichtigste in Kürze
- Die Stadtregierung Salzburgs plant die Umwidmung von Grünland für neuen Wohnbau, insbesondere für soziale Projekte.
- Die ÖVP lehnt diese Pläne strikt ab und fordert, stattdessen bereits versiegelte Flächen zu nutzen.
- Der Konflikt stellt den dringenden Bedarf an leistbarem Wohnraum dem Schutz von Grünflächen gegenüber.
- Für einen Beschluss des 25-Jahres-Plans im Gemeinderat ist die Regierung auf die Stimmen der ÖVP angewiesen, was eine politische Blockade wahrscheinlich macht.
Der Kern des Konflikts: Wohnraum oder Grünland?
Die langfristigen Raumordnungspläne der Stadt Salzburg, die die Weichen für die nächsten 25 Jahre stellen sollen, sind zum Zankapfel der Kommunalpolitik geworden. Im Zentrum der Auseinandersetzung steht die Frage, wie die Stadt wachsen soll. Während die Regierungskoalition aus SPÖ, Bürgerliste und KPÖ Plus argumentiert, dass zur Deckung des Wohnbedarfs auch neue Flächen erschlossen werden müssen, positioniert sich die ÖVP als Schutzpatronin der Grünflächen.
Die Volkspartei mobilisiert aktiv gegen die Pläne. Bei einer kürzlich abgehaltenen Bürgerversammlung im Stadtteil Maxglan wurde die Haltung klar dargelegt: Kein Wohnbau auf der grünen Wiese, solange es innerstädtische Potenziale gibt. Die Kritik richtet sich nicht nur gegen die Umwidmung an sich, sondern auch gegen den Fokus auf sozialen Wohnbau, den die ÖVP in diesem Ausmaß für überzogen hält.
Faktencheck: Raumordnung in Salzburg
Das Raumentwicklungskonzept (REK) ist das wichtigste strategische Planungsinstrument einer Gemeinde. Es legt fest, wo in den nächsten Jahrzehnten gewohnt, gearbeitet und wo Natur erhalten werden soll. Ein Beschluss hat weitreichende Konsequenzen für die Stadtentwicklung und Lebensqualität.
Die Positionen der Parteien im Detail
Die Fronten zwischen Regierung und Opposition sind verhärtet. Beide Seiten werfen sich gegenseitig vor, die Zukunft der Stadt aus ideologischen Gründen zu blockieren. Die Argumente spiegeln grundlegend unterschiedliche Visionen für Salzburg wider.
ÖVP: „Erst die Hausaufgaben machen“
Vizebürgermeister Florian Kreibich (ÖVP) ist das Gesicht des Widerstands gegen die Regierungspläne. Er argumentiert, dass die Stadt ihr Potenzial auf bereits bebauten oder versiegelten Flächen noch lange nicht ausgeschöpft habe. Bevor man wertvolles Grünland opfere, müssten diese Reserven mobilisiert werden.
„Wir haben ausreichend versiegelte Flächen, die wir einer Bebauung zuführen können. Bevor wir große Wohnsiedlungen auf der grünen Wiese machen, müssen wir die Hausaufgaben machen.“
Kreibichs Position zielt darauf ab, eine innerstädtische Verdichtung zu fördern, anstatt die Stadtgrenzen weiter auszudehnen. Dies schone nicht nur die Natur, sondern stärke auch bestehende Stadtteile und Infrastruktur.
Bürgerliste: Vorwurf der „Klientelpolitik“
Ingeborg Haller, Klubobfrau der Bürgerliste, weist die Kritik der ÖVP scharf zurück. Sie wirft der Volkspartei eine Blockadehaltung vor, die sich gezielt gegen den sozialen Wohnbau richte. Ihrer Ansicht nach betreibt die ÖVP eine „Klientelpolitik“, indem sie die Interessen von Grundbesitzern in den wohlhabenderen südlichen Stadtteilen über das Gemeinwohl stelle.
„Unverantwortlich ist, dass die ÖVP den Menschen klarmachen möchte, dass man vor ihrer Wiese nicht bauen soll, aber vielleicht anderswo“, so Haller. Sie betont die Notwendigkeit einer gesamtheitlichen Lösung für die ganze Stadt, anstatt einzelne Gebiete gegeneinander auszuspielen. Leistbarer Wohnraum sei eine soziale Notwendigkeit, der man sich nicht verweigern dürfe.
Historische Ironie: Die Bürgerliste und das Grünland
Die aktuelle Position der Bürgerliste ist bemerkenswert, da die Partei einst aus dem Kampf gegen die Verbauung von Grünland im Süden Salzburgs entstanden ist. In den Gründungsjahren mobilisierten Persönlichkeiten wie der Bäckermeister Richard Hörl und der Schauspieler Herbert Fux gegen die Baupläne der damaligen sozialdemokratischen Stadtregierungen. Dass die Bürgerliste nun selbst Pläne zur Umwidmung von Grünflächen mitträgt, zeigt den Wandel der politischen Prioritäten und den enormen Druck auf dem Wohnungsmarkt.
Politische Pattsituation droht
Die Auseinandersetzung ist mehr als nur ein politisches Scharmützel. Für den Beschluss des neuen Raumentwicklungskonzepts im Gemeinderat benötigt die rot-rot-grüne Regierungskoalition im kommenden Jahr eine qualifizierte Mehrheit. Das bedeutet: Ohne die Stimmen der ÖVP geht nichts.
Angesichts der fundamentalen Meinungsverschiedenheiten scheint ein Kompromiss derzeit in weiter Ferne. Scheitert die Einigung, droht Salzburg eine mehrjährige Blockade in der Stadtplanung. Dies hätte direkte Auswirkungen auf die Entwicklung des Wohnungsmarktes und die zukünftige Gestaltung der Landeshauptstadt.
Die kommenden Monate werden zeigen, ob die politischen Akteure in der Lage sind, eine gemeinsame Vision für die Zukunft Salzburgs zu entwickeln oder ob die Stadtentwicklung in einer politischen Sackgasse stecken bleibt. Der Druck, sowohl leistbaren Wohnraum zu schaffen als auch die hohe Lebensqualität durch den Erhalt von Grünflächen zu sichern, bleibt die zentrale Herausforderung.





