In Salzburg spitzt sich die Debatte um Wohnraum zu. Ein unscheinbares Wohnhaus in der Ignaz-Harrer-Straße steht exemplarisch für einen wachsenden Trend: die Umwandlung von regulären Wohnungen in lukrative Touristen-Apartments. Wo einst Familien lebten, werden nun Zimmer nächteweise an Reisende vermietet – eine Entwicklung, die den ohnehin angespannten Wohnungsmarkt weiter unter Druck setzt und die Politik zum Handeln auffordert.
Das Wichtigste in Kürze
- In Salzburg werden immer mehr reguläre Wohnungen in kurzfristige Touristenunterkünfte, sogenannte Mikrohotels, umgewandelt.
- Ein konkretes Beispiel ist ein Gebäude in der Ignaz-Harrer-Straße, in dem aus fünf Wohnungen 14 buchbare Hotelzimmer entstanden sind.
- Die Preise für solche Apartments sind hoch und erreichen im Sommer bis zu 280 Euro pro Nacht, was die Zweckentfremdung von Wohnraum finanziell attraktiv macht.
- Landesexperten schlagen eine Gesetzesänderung vor, um diesem Trend entgegenzuwirken und Wohnraum für die lokale Bevölkerung zu sichern.
Ein unauffälliges Haus mit kommerziellem Kern
Von außen betrachtet wirkt das Gebäude in der Ignaz-Harrer-Straße wie ein gewöhnliches Mehrfamilienhaus. Nichts deutet auf einen Hotelbetrieb hin, außer einem kleinen Schild mit der Aufschrift „Privatzimmer“ und einem Schlüsselsafe neben der Eingangstür. Diese diskreten Hinweise sind die einzigen Zeichen für ein Geschäftsmodell, das den Salzburger Wohnungsmarkt verändert.
Im Inneren verbirgt sich jedoch eine andere Realität. Anstelle von langfristigen Mietern finden sich hier Touristen aus aller Welt. Aus ursprünglich fünf geplanten Wohnungen sind 14 separate, hotelähnliche Einheiten entstanden. Diese werden aktiv auf gängigen Online-Buchungsplattformen beworben und vermietet.
Das Angebot: Hotelkomfort im Wohngebiet
Die angebotenen Apartments sind modern und auf die Bedürfnisse von Reisenden zugeschnitten. Ein typisches Beispiel ist eine 40 Quadratmeter große Einheit, ausgestattet mit einer eigenen kleinen Küche, einer Terrasse und kostenlosem WLAN. Sie bietet den Komfort eines Hotels, kombiniert mit der Privatsphäre einer eigenen Wohnung.
Dieses Modell ist für Vermieter äußerst profitabel. Während der Nebensaison im Januar kostet eine Übernachtung für zwei Personen rund 95 Euro. In der Hochsaison im Sommer steigen die Preise jedoch drastisch an und können bis zu 280 Euro pro Nacht erreichen. Solche Einnahmen sind mit einer regulären Langzeitvermietung kaum zu erzielen.
Preisvergleich: Miete vs. Tourismus
Ein 40-Quadratmeter-Apartment könnte bei einer Monatsmiete von beispielsweise 800 Euro (26,67 Euro/Tag) erzielt werden. Die Vermietung an Touristen kann im Sommer mit 280 Euro pro Nacht das Zehnfache pro Tag einbringen, was die finanzielle Motivation hinter der Umwandlung verdeutlicht.
Die Auswirkungen auf den Wohnungsmarkt
Jede Wohnung, die dem regulären Mietmarkt entzogen und in eine Touristenunterkunft umgewandelt wird, verschärft die ohnehin angespannte Lage in Salzburg. Für Einheimische, insbesondere für Familien, Studenten und Menschen mit durchschnittlichem Einkommen, wird es immer schwieriger, bezahlbaren Wohnraum zu finden. Der Trend zu Mikrohotels treibt nicht nur die Mietpreise in die Höhe, sondern verknappt auch das verfügbare Angebot.
Experten warnen davor, dass diese Entwicklung die soziale Struktur ganzer Stadtteile verändern kann. Wenn Wohnhäuser schrittweise zu anonymen Apartmentkomplexen für Durchreisende werden, geht das Gemeinschaftsgefühl verloren. Nachbarschaften, die einst von einem stabilen sozialen Miteinander geprägt waren, leiden unter der hohen Fluktuation.
Was ist ein Mikrohotel?
Der Begriff „Mikrohotel“ oder „Apartment-Hotel“ beschreibt die Praxis, ganze Wohnhäuser oder eine größere Anzahl von Wohnungen innerhalb eines Gebäudes ausschließlich für die kurzfristige Vermietung an Touristen zu nutzen. Im Gegensatz zur gelegentlichen Vermietung eines Zimmers handelt es sich hier um einen kommerziellen Betrieb, der oft unter dem Radar der traditionellen Hotelregularien agiert.
Politik und Verwaltung unter Zugzwang
Die zunehmende Zweckentfremdung von Wohnraum hat die Behörden alarmiert. Das Problem ist erkannt, doch die rechtlichen Mittel, um dagegen vorzugehen, sind oft begrenzt. Die aktuelle Gesetzeslage bietet Schlupflöcher, die es Eigentümern ermöglichen, Wohnungen relativ einfach in gewerbliche Unterkünfte umzuwandeln.
Aufgrund der wachsenden Problematik haben Experten des Landes Salzburg eine Überprüfung der rechtlichen Rahmenbedingungen eingeleitet. Ihre Empfehlung ist eindeutig: Es bedarf einer Gesetzesnovelle, um die Umwandlung von Wohnraum klarer zu reglementieren und effektiver zu unterbinden. Ziel ist es, die Balance zwischen den Interessen des Tourismus und dem grundlegenden Bedürfnis der Bevölkerung nach Wohnraum wiederherzustellen.
Mögliche Lösungsansätze
In der politischen Diskussion werden verschiedene Maßnahmen erwogen, um den Trend zu stoppen:
- Strengere Genehmigungsverfahren: Die Umwidmung von Wohnraum in eine gewerbliche Nutzung könnte an strengere Auflagen geknüpft werden.
- Begrenzung der Vermietungstage: Eine Obergrenze für die Anzahl der Tage, an denen eine Wohnung pro Jahr kurzfristig vermietet werden darf, könnte die kommerzielle Nutzung unattraktiver machen.
- Registrierungspflicht: Eine verpflichtende Registrierung aller Kurzzeitvermietungen würde für mehr Transparenz sorgen und die Kontrolle durch die Behörden erleichtern.
- Zweckentfremdungsverbotsgesetz: Einige Städte in Deutschland haben bereits Gesetze erlassen, die die Umwandlung von Wohnraum ohne Genehmigung verbieten und mit hohen Strafen belegen.
Ein Problem mit weitreichenden Folgen
Die Situation in der Ignaz-Harrer-Straße ist kein Einzelfall, sondern ein Symptom für ein stadtweites Problem. Die Attraktivität Salzburgs als Tourismusdestination erzeugt einen wirtschaftlichen Druck, der direkt auf dem Wohnungsmarkt lastet. Wenn keine wirksamen Gegenmaßnahmen ergriffen werden, droht eine weitere Aushöhlung des Wohnungsangebots für die lokale Bevölkerung.
Die anstehende Debatte über eine Gesetzesänderung wird zeigen, welche Prioritäten die Politik setzt: den Schutz von bezahlbarem Wohnraum für ihre Bürger oder die Maximierung der Einnahmen aus dem Tourismus. Für viele Salzburgerinnen und Salzburger ist die Antwort klar – sie hoffen auf eine schnelle und entschlossene Regulierung, damit ihre Stadt lebenswert bleibt.





